Des einen Freud, des anderen Streit

30. Juni 2006, 12:50
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Unabhängig­keits­er­klärung wurde in Montenegro und Serbien unterschiedlich zelebriert - Farce im serbischen Parlament

Düstere Stimmung herrschte am Montag im serbischen Parlament. Mit finsterer Miene kamen Abgeordnete zusammen, um die ungewollte Selbstständigkeit Serbiens festzustellen. Für Premier Vojislav Kostunica, der sich für das Fortbestehen des gemeinsamen Staates mit Montenegro eingesetzt hatte, war es die bisher schmerzhafteste politische Niederlage.

Für rechtsradikale Kräfte ein Akt, der eine weitere Zerstückelung Serbiens bestätigen sollte. Die Wiederherstellung der serbischen Souveränität endete in gegenseitigen Beleidigungen, Vorwürfen und Schuldzuweisungen für den Zerfall der Föderation. Parlamentarier drohten einander mit Neuwahlen. Nur die Vertreter der regierenden Partei G 17 Plus, die sich für eine Selbstständigkeit Serbiens einsetzte, freuten sich.

Ultranationalisten verließen Parlamentssaal

Die Verkündung der Unabhängigkeit scheiterte zunächst aber im ersten Anlauf, als Abgeordnete der ultranationalistischen Serbischen Radikalen Partei (SRS) und der proeuropäischen Demokratischen Partei (DS) von Staatspräsident Boris Tadic den Parlamentssaal verließen. Der "historische" Tag der Selbstständigkeit wurde zu einer Farce, als sich die regierende Koalition auf die Jagd nach den eigenen Abgeordneten machte und mühsam 126 von 250 in den Saal schleppte. In Belgrad wurden Fahnen der Staatengemeinschaft durch serbische ersetzt.

In Podgorica, der Hauptstadt des selbstständigen Montenegro, erhellte hingegen am Samstag vierzig Minuten lang ein Feuerwerk den Nachthimmel. Das Parlament verkündete zuvor offiziell die Souveränität der kleinen Adriarepublik. Vor dem Parlamentsgebäude sangen einige hundert Menschen lauthals die montenegrinische Hymne.

Referendum für Wiedervereinigung

Abgeordnete des proserbischen Blocks blieben der feierlichen Parlamentssitzung fern. Sie kündigten die Vereinigung aller unionistischen Parteien und die Fortsetzung des Kampfes gegen das "undemokratische" Regime an. Sollten sie nach den Parlamentswahlen im Herbst an die Macht kommen, hieß es, würden sie ein Referendum für die Wiedervereinigung mit Serbien ausschreiben. (DER STANDARD, Printausgabe 6.6.2006)

Von Andrej Ivanji aus Belgrad
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    Die Flagge des Staatenbundes wird im Sitzungssaal entfernt.

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    Der Flaggenwechsel erfolgte wenig feierlich: Ein Arbeiter entfernte die Flagge des Staatenbundes vom Parlamentsgebäude.

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