"About Africa": Richtung Horizont-Erweiterung

8. Juni 2006, 00:11
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Die interessante Filmschau "About Africa" würdigt im Top-Kino die Vielfalt des afrikanischen Filmkontinents

Wien - Ganz am Anfang verschwindet ein Mann in einer Wüstenlandschaft. Er dreht sich noch einmal um, lächelt in die Kamera und setzt dann seinen Weg Richtung Horizont fort. Irgendwann später wird er seinen zwei Söhnen aus Tanger Nachricht senden. Und ein großes Poster vom Meeresstrand, in dessen Anblick sich die beiden träumend verlieren.

Davor haben sie lange nach dem Verschwundenen gesucht. Am Grenzposten zwischen ihrer Heimat, dem Tschad, und dem Nachbarland Kamerun vergeblich nach ihm Ausschau gehalten. Aus einem Kino eine Filmkopie entwendet, weil sie den schmerzlich Vermissten auf der Leinwand zu erkennen glaubten. Die Mutter, die ihre Trauer (und ihre Wut) bis dahin besser zu verbergen wusste, schickt sie daraufhin in eine entlegene Schule.

Abouna - Der Vater (2002), von Mahamat-Saleh Haroun, erzählt diese Familiengeschichte, die, so der Regisseur in einem Interview, ein weit verbreitetes gesellschaftliches Phänomen aufgreift, in ruhigen Sequenzen, die seine Protagonisten stets konkret verorten, einen Lebensraum und einen Alltag anschaulich machen - darüber hinaus jedoch auch eine Durchlässigkeit für kleine imaginäre Fluchten wahren. Erstaunlich dabei ist die Leichtigkeit, der schelmische Grundton, der selbst dann bleibt, wenn die körperlichen Reaktionen des jüngeren Sohnes auf das Trauma des Verlusts fatale Dimensionen annehmen.

Das Motiv des Exils und seiner Wechselwirkungen taucht auch in Guelwaar (1992) von Ousmane Sembène aus dem Senegal wieder auf - hier hält einer dem örtlichen Polizeikommandanten seinen französischen Pass hin, um seinem Anliegen Nachdruck zu verleihen (der Leichnam seines Vaters ist aufgrund einer Verwechslung bereits von einer anderen Familie bestattet worden; ein handgreiflicher Konflikt zwischen der katholischen und der muslimischen Trauergemeinde bahnt sich an; allmählich wird deutlich, dass dem Verstorbenen sein entschlossenes Auftreten gegen die Willfährigkeit der Obrigkeit, die aus der Verteilung von Hilfsgütern politisches Kapital schlägt, zum Verhängnis wurde).

Oder in Heremakono (2002) von Abderrahmane Sissako - ein atemberaubend schöner Film, der die Vorbereitung eines Aufbruchs schildert, die Wartezeit, die ein junger Mann damit verbringt, Abschied zu nehmen, und die ihn dabei seine Affinität zu einem Land (Mauretanien) entdecken lässt, von dem er sich distanziert wähnte.

Positionen des afrikanischen Kinos - ein Sammelbegriff, der wenig taugt, um die heterogene Filmproduktion eines ganzen Kontinents adäquat zu erfassen, deren Wahrnehmung nicht selten eine auf Autoren beschränkte Außenperspektive prägt. Lauter Filme, die es wert sind, gezeigt zu werden, und die dennoch im Kinobetrieb kaum eine Rolle spielen.

Die Filmschau "About Africa" (eine Kooperation von LichtBlick, Filmfestival Innsbruck und Panafrican Forum Austria) schafft diesbezüglich Abhilfe, bis zum 13. 6. im Top-Kino. Am 14. 6. beschließt eine Podiumsdiskussion zum Thema "Das Bild, das trügt. Afrika und Afrikanerinnen in den österreichischen Medien" in der Galerie Habari die Veranstaltung. Abouna immerhin startet im Anschluss an die Reihe im Kino. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.6.2006)

Von Isabella Reicher


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Lichtblick Kooperative
  • "Abouna - Der Vater", gedreht von Mahamat-Saleh Haroun, erzählt eine seltsame Familiengeschichte.
    foto: lichtblick

    "Abouna - Der Vater", gedreht von Mahamat-Saleh Haroun, erzählt eine seltsame Familiengeschichte.

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