Lippi glaubt an "große WM"

14. Juni 2006, 10:32
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Trotz Verletzungssorgen und dem italienischen Fußballskandal im Genick einiger Akteure glaubt der Coach an den vierten WM-Titel

Lausanne - Mit Verletzungssorgen im Gepäck und den Staatsanwälten im Nacken reist die italienische Nationalmannschaft zur Weltmeisterschaft nach Deutschland. Kurz vor ihrer Ankunft am Mittwochabend im WM-Quartier in Duisburg übt sich Nationaltrainer Marcello Lippi trotz des immer belastenderen Fußball-Skandals in der Heimat und der schwachen Remis in den Testspielen gegen die Ukraine (0:0) und die Schweiz (1:1) in Optimismus: "Wir werden eine großartige WM spielen", verspricht der 58-Jährige, dessen "Azzurri" seit 18 Spielen ungeschlagen sind.

Dass Superstar Francesco Totti (AS Roma) nach seinem Wadenbeinbruch noch nicht in WM-Form ist, Alessandro Del Piero (Juventus Turin) in einer Formkrise steckt, im Mittelfeld der Spielmacher fehlt und Verteidiger Gianluca Zambrotta (Juve) mit einer Oberschenkelzerrung zum Auftakt gegen Ghana am Montag in Hannover ausfallen wird, ficht Lippi nicht an. Der charismatische Trainer ist überzeugt davon, Italien 24 Jahre nach dem letzten WM-Triumph in Spanien in Deutschland zum 4. Weltmeistertitel zu führen.

Störfeuer immer heftiger

Das "Störfeuer" aus der Heimat wird aber immer heftiger: Am Pfingstwochenende weitete sich der Manipulationsskandal um Rekordmeister Juventus Turin und seinen Ex-Manager Luciano Moggi auf den AC Milan aus, wodurch noch mehr Nationalspieler in den Skandal hineingezogen werden. Nach einem Bericht der "La Stampa" soll auch Milan Schiedsrichter manipuliert haben, um die Übermacht der mutmaßlichen Fußball-Paten Moggi einzudämmen. "Das ist eine Kampagne, um Milan hineinzuziehen und von anderen abzulenken", wies Milans Vize-Präsident Adriano Galliani am Montag vehement zurück. Die Polizei habe Moggi eindeutig in einem Bericht als alleinigen Drahtzieher benannt, sagte Galliani und warnte: "Finger weg von Milan!".

Dem Wunsch werden die Staatsanwälte aber nicht nachkommen und Milan genauer ins Visier nehmen, womit auch die fünf Nationalspieler des Clubs mit Vorladungen rechnen müssen. Nach Torwart Gianluigi Buffon war mit Kapitän Fabio Cannavaro am Wochenende bereits der zweite Nationalspieler zum Verhör vorgeladen. Wie sein Juve- Teamkollege David Trezeguet wurde Cannavaro von der Staatsanwaltschaft in Rom als Zeuge im Verfahren gegen die Spielervermittlung GEA vernommen. "Ich habe alle Fragen beantwortet und alle Zweifel ausgeräumt", erklärte Cannavaro.

Lippis Sohn ebenfalls unter Verdacht

Der GEA wird vorgeworfen, Fußballer durch Drohungen und Nötigungen zu Verträgen gezwungen zu haben. Die GEA, die auch Cannavaro vertrat, gehört unter anderem Moggis Sohn, Alessandro. Auch Lippis Sohn, Davide, ist als ehemaliger Mitarbeiter der GEA in den Skandal verstrickt. Gegen Davide Lippi läuft ein Ermittlungsverfahren.

Unterdessen hat der Ermittler des Fußballverbands (FIGC), Francesco Saverio Borelli, bereits am Sonntag vorzeitig mit seinen ersten Verhören begonnen. Ex-Schiedsrichter Riccardo Pirrone berichtete, wie die Schiedsrichter-Auslosungen für die Serie A-Spiele nach Moggis Wünschen mit Hilfe markierter Loskugeln manipuliert worden sein könnten. Nach täglichen Verhören will Borelli schon in gut drei Wochen den Prozess einleiten. Der ehemalige Präsident des FC Bologna, Giuseppe Gazzoni, bezeichnete ihn in Anlehnung an die Nazi-Verbrecherprozesse der Alliierten bereits als den "Nürnberger Prozess des italienischen Fußballs". Beginnen soll er Anfang Juli, wenn Lippi mit seinen "Azzurri" in Berlin im Finale stehen will. (APA/dpa)

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    Marcelo Lippi hat den Blick vorwärts gerichtet.

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