"Wir machen Geschlecht"

6. Juni 2006, 07:00
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Karin Nutz von "Mafalda" spricht im Interview mit dieStandard.at über machomäßige Erziehung und erklärt, warum man die Geschlechter an den Schulen trennen sollte

Die Einkommenschere zwischen Männern und Frauen klafft noch immer weit auseinander: Teilzeitjobs nicht mitgerechnet, verdienen Frauen in Österreich um rund 21 Prozent weniger als Männer. Ein Grund dafür sei, sagt Karin Nutz vom Mädchenförderverein Mafalda, dass Mädchen um technische Berufe noch immer einen großen Bogen machen. Schuld daran seien Spielzeug-Bügeleisen und machomäßige Erziehung.

dieStandard.at: Wenn Mädchen um Technik einen großen Bogen machen, interessiert es sie vielleicht einfach nicht. Gibt es doch angeborene Unterschiede zwischen Buben und Mädchen?

Karin Nutz: Man wird nie genau trennen können, was anerzogen und was angeboren ist. Aber Geschlechterrollen und damit auch "geschlechtstypische" Tätigkeiten sind keine Konstanten, man schaue sich nur andere Kulturen oder geschichtliche Epochen an. Ich bin sicher, dass das Geschlecht – also das was für "weiblich" oder "männlich" gehalten wird - ein soziales Konstrukt ist. Das Einzige, was naturgegeben ist, ist, dass Frauen die Kinder gebären.

dieStandard.at: Ist die Erziehung der Kinder machomäßig?

Karin Nutz: Wenn machomäßig bedeutet, entlang traditioneller Geschlechterrollen, dann ja. Wenn man sich beispielsweise die Bilder in einem Versandhauskatalog ansieht: Die Fotos zeigen auch heute noch Mädchen mit Spielzeug-Bügeleisen, die Buben spielen hingegen mit Autos. Dabei ist das ja grotesk – wer will schon mit einem Bügeleisen spielen?

dieStandard.at: Nimmt solche Klischees überhaupt jemand ernst?

Karin Nutz: Auch so wird Geschlecht gemacht – wir alle machen Geschlecht. Stereotype wie in der Spielzeug-Werbung legen die Kinder von Anfang an auf ihre Rolle fest. Das trägt nicht gerade zur Geschlechtergerechtigkeit bei.

dieStandard.at: Sind die Schulbücher geschlechtergerecht?

Karin Nutz: In diesem Bereich wird schon mehr darauf geachtet. Versteckt finden sich aber noch immer stereotype Zuschreibungen, zum Beispiel in Rechenaufgaben: Da geht noch immer die Mutter Semmel einkaufen, während der Vater den Benzinverbrauch berechnet.

dieStandard.at: Was können Eltern oder PädagogInnen tun?

Karin Nutz: Sie müssen sich darüber bewusst werden, dass Mädchen und Buben unterschiedlich erzogen und behandelt werden und auch ihr eigenes Verhalten beobachten. Zum Beispiel wird bei Buben immer ihr Talent gelobt, bei Mädchen ihr Fleiß – das ist ausschlaggebend, wenn es um das Selbstvertrauen geht. Männer haben später im Beruf oft deshalb ein sicheres Auftreten, leiden aber auch häufig an Selbstüberschätzung. Es ist zumindest heutzutage aber nicht möglich, geschlechtsneutral zu erziehen. Deshalb wird es nötig sein, durch gezielte Förderung auf die Unterschiede zu reagieren, die durch das gesamte Umfeld anerzogen werden.

dieStandard.at: Studien zeigen, dass Mädchen aus reinen Mädchenschulen häufiger technische Karrieren wählen. Sollte man die Geschlechter an den Schulen wieder trennen?

Karin Nutz: Der gemeinsame Unterricht von Mädchen und Buben funktioniert offenbar nicht. Die Mädchen bleiben auf der Strecke, ihr Selbstvertrauen sinkt während der Schullaufbahn, genauso wie ihr Interesse an Mathematik, wie die Pisa-Studie zeigt. In manchen Schulen gibt es deshalb schon wieder den Versuch, Mädchen und Buben in Fächern wie Mathematik oder Naturwissenschaft zu trennen. Ich glaube, das ist die Zukunft.

dieStandard.at: Macht man dann nicht wieder einen Unterschied zwischen Geschlechtern?

Karin Nutz: Nein, das ist eine Ungleichbehandlung, die zu Gleichbehandlung führen soll. Es gibt Unterrichtsmethoden, die jeweils einem Geschlecht besonders entgegenkommen. Der Frontalunterricht kommt den Buben entgegen, weil sie sich eher trauen, eine Antwort herauszuschreien. Bei Gruppenarbeiten unter Mädchen kommen deren Talente oft erst richtig zum Vorschein, diese werden sonst von den Buben überdeckt.

dieStandard.at: Wäre umgekehrt auch eine spezifische Bubenförderung nötig?

Karin Nutz: Ja, zum Beispiel in Sachen Sozialkompetenz oder im Lesen – da hinken Buben laut Pisa-Studie den Mädchen hinterher. Ich kann mir vorstellen, dass auch hier geschlechtshomogene Gruppen und "burschengerechte" Methoden den Buben ein Gleichziehen ermöglichen.

dieStandard.at: Wird in der Ausbildung von Pädagogen schon auf Geschlechtersensibilität Wert gelegt?

Karin Nutz: Leider noch viel zu wenig. Wir fordern, dass die geschlechtsspezifische Pädagogik im Lehrplan verankert wird. Derzeit wird man von Lehrern und Lehrerinnen häufig noch belächelt, wenn man ihnen mit dem Thema kommt. Dabei sollten sie sich überlegen, ob nicht viele ihrer Probleme an den Schulen in der unterschiedlichen Behandlung der Geschlechter wurzeln, oder auch in einer Missachtung der Unterschiede. Denn Schulkinder haben schon seit ihrer Geburt gelernt, was es in unserer Gesellschaft heißt, ein Bub oder ein Mädchen zu sein.

Von Donja Noormofidi

Karin Nutz ist Mitarbeiterin des Mädchenfördervereins "Mafalda" und organisierte kürzlich in Graz den Kongress "TechnikA - Tausche Puppe gegen Auto oder umgekehrt".

"Mafalda" veranstaltete kürzlich auch den Töchtertag, bei dem Mädchen ihre Eltern zur Arbeit in technischen Berufen begleiteten.

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