Prozess-Auftakt bei Parmalat

22. Juni 2006, 15:20
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In Italien beginnt der Prozess um den spektakulären Zusammenbruch des Milch-Konzerns. Firmengründer Tanzi und 64 weitere Personen stehen vor Gericht

Mailand - Zweieinhalb Jahre nach der spektakulären Pleite des italienischen Lebensmittelkolosses Parmalat hat am Montag in Parma der Prozess gegen Firmengründer Calisto Tanzi und weitere 64 Personen begonnen. Vor Gericht stehen unter anderem der Ex-Finanzdirektor des Konzern, Fausto Tonna, der als Drahtzieher des Skandals gilt, sowie Tanzis Sohn Stefano und mehrere Ex-Manager des Konzerns.

Den Angeklagten wird betrügerischer Bankrott und Bilanzfälschung vorgeworfen. 135.000 geprellte Anleger nehmen als Zivilkläger am Prozess teil. Die Anleger haben wegen der Parmalat-Pleite insgesamt über zehn Milliarden Euro verloren.

Bondi-Aussage

Vor Gericht wird in den kommenden Tagen auch der Geschäftsführer von Parmalat, Enrico Bondi, aussagen. Dieser hatte den Konzern saniert und ihn im vergangenen Oktober wieder an die Börse gebracht. Die Aktien des Unternehmens waren im Dezember 2003 nach der Pleite Parmalats vom Handel gestrichen worden. Bondi macht nicht nur Tanzi, sondern auch die Banken für den Zusammenbruch des Milchproduzenten mitverantwortlich.

Dabei geht es unter anderem darum, dass die Institute teilweise bis kurz vor dem Zusammenbruch für Parmalat Anleihetransaktionen getätigt haben. Die reinen Schadenersatzforderungen gegenüber den Banken belaufen sich auf mehr als 13 Mrd. Euro. Allerdings wird erwartet, dass Bondi dabei maximal zwei Milliarden Euro tatsächlich durchsetzen kann.

Bondi meint, die Banken seien lang vor der Pleite des Konzerns im Dezember 2003 über die Schieflage Parmalats informiert gewesen, sie hätten aber trotzdem ihren Kunden zum Kauf von Parmalat-Anleihen geraten, sagte Bondi.

Auch in Mailand muss sich Tanzi wegen betrügerischem Konkurs und Bilanzfälschung vor Gericht verantworten. In der lombardischen Metropole läuft der Prozess gegen den "Ex-Milchkönig" seit September. Tanzi hatte wegen der Pleite des Milchproduzenten 2004 drei Monate in Untersuchungshaft und zwei Monate unter Hausarrest verbracht.

Tanzis Rechtsanwälte wollen vor allem Parmalats Gläubigerbanken belasten. Die Verteidiger wollen beweisen, dass die Geldhäuser Parmalat-Anleihen emittiert hatten, obwohl sie über die finanzielle Schieflage des italienischen Lebensmittelgiganten bestens informiert waren. Die Institute hatten teilweise bis kurz vor dem Kollaps für Parmalat milliardenschwere Anleihen begeben. Sie hätten die Unregelmäßigkeiten früher bemerken müssen, argumentiert auch Parmalats Geschäftsführer Enrico Bondi, der Klagen gegen die Banken eingereicht hat.

33.000 Nebenkläger

Schlangen geprellter Anleger bildeten sich unterdessen vor dem Justizpalast in Parma, in dem das Verfahren gegen Firmengründer Calisto Tanzi und weitere 64 Personen begonnen hat. 33.000 geprellte Anleger und Konsumentenschutzverbände werden als Nebenkläger am Verfahren teilnehmen, berichteten italienische Medien.

"Ich habe wegen der Betrügereien der Parmalat-Manager die Ersparnisse meines ganzen Lebens, 78.000 Euro, verloren", klagte eine 64-jährige Pensionistin. Ihre Bank habe ihr geraten, in Bonds der Parmalat zu investieren, die 2003 unter dem Druck eines Schuldenberg von 14 MilliardenEuro zusammengebrochen war, sagte sie.

Als Zivilkläger wollen auch die Mailänder Börsenaufsichtsbehörde Consob und der Insolvenzverwalter Parmalats, Enrico Bondi, teilnehmen, der seit Dezember 2003 den Konzern leitet. Auch der Konsumentenschutzverband Adusbef will sich als Zivilpartei am Verfahren beteiligen. Adusbef vertritt zirka 4.000 geprellte Anleger.

Am Verfahren nahm der Firmengründer Parmalats, Calisto Tanzi, aus Gesundheitsgründen nicht teil. Wegen des betrügerischen Bankrotts seines Unternehmens hatte Tanzi 275 Tage in Untersuchungshaft und unter Hausarrest verbracht. (APA)

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