Kaiser, Kanzler, Kindsvater

2. Juni 2006, 22:22
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Franz Beckenbauer ist der Kopf des Tages

Es gibt kaum etwas zu sagen, was Franz Beckenbauer nicht schon selbst gesagt hätte. Nicht so sehr über sich selbst, aber sonst zu allem und jedem. Eine der dürrsten Annäherungen an einen, den sie einfach Kaiser oder noch schlichter Lichtgestalt nennen, liefert die freie Internet-Enzyklopädie "Wikipedia". Dort firmiert der am 11. September 1945 geborene Sohn des Postobersekretärs Franz Beckenbauer sen. und dessen erst im Jänner dieses Jahres verstorbener Gattin Antonie als ehemaliger deutscher Fußballspieler und -trainer, der "heute Sportfunktionär, Werbeträger, Geschäftsmann und einflussreicher Journalist" ist.

Zum Kaiser wurde Beckenbauer in Österreich, als er sich 1968 anlässlich eines Freundschaftsspiels des FC Bayern München in Wien neben einer Büste von Franz I. ablichten ließ. Die Lichtgestalt kam erst später, nachdem er als Spieler der Bayern und der deutschen Auswahl alles gewonnen hatte, was es zu gewinnen gab. Vor allem, dass er Deutschland als Trainer 1990 in Italien zum dritten WM-Titel führte, ließ ihn in die höchsten Sphären der Anerkennung aufsteigen. "Der Grund war nicht die Ursache, sondern der Auslöser", wäre ein passender Beckenbauer-Spruch dazu.

Sein durchaus als abwechslungsreich zu bezeichnendes Privatleben gefährdete den Nimbus nicht. Beckenbauer war zweimal verheiratet, seine Söhne Stefan, Michael und Thomas sind längst erwachsen. Mit seiner Lebensgefährtin Heidrun Burmester hat er zwei weitere Kinder, Joel Maximilian (5) und Francesca (2). Dass Ersterer quasi Produkt eines Seitensprungs ist, kommentierte der gelernte Versicherungskaufmann mit der ihm eigenen Grandezza: "So groß ist das Verbrechen nun auch nicht. Der liebe Gott freut sich über jedes Kind."

Seit dem vor allem durch seinen Einfluss im Weltfußballverband FIFA erfolgten WM-Zuschlag an Deutschland wirkt Beckenbauer als Chef des Organisationskomitees. Und er wirkt derart, dass schon vom heimlichen Außenminister, wenn nicht vom eigentlichen Kanzler der Republik gesprochen wird.

Der Franz aus dem Münchner Arbeiterviertel Giesing hat wieder einmal die Welt bereist, wurde allerorten wie ein Staatsmann empfangen. Daneben schmückt der fünfmalige Bambi-Preisträger TV-Shows, Werbe- und Wohltätigkeitsveranstaltungen. So richtig heim nach Kitzbühel, wo er seit rund zwei Jahrzehnten lebt, kommt er nur noch selten. Das wird sich auch in den WM-Wochen nicht ändern, schließlich will Beckenbauer 48 der 64 Spiele höchstselbst besuchen. Ein vom Sponsor Emirates Airline gebrandeter Helikopter macht das möglich.

Nach der WM will Beckenbauer nach Hause gehen und seine Ruhe haben. Das glaubt ihm, mit Verlaub und auf Bayerisch gesagt, keine Sau. (Sigi Lützow, DER STANDARD Printausgabe 3. Juni 2006)

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    Der doppelte Franz.

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