Existiert die "Würfelsymphonie" tatsächlich?

9. Juni 2006, 17:48
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Ihre Fragen zu W.A.M. - Kurt Palm antwortet

Gerhard Rührlinger fragt, ob es von Mozart tatsächlich eine "Würfelsymphonie" gibt.



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Das im Köchel-Verzeichnis unter der Nr. 294 d eingetragene "Musikalische Würfelspiel" ist trotz der Tatsache, dass es Mozart zugeschrieben wird, wohl eher den "Mozart-Kuriosa" zuzurechnen. Ob die erstmals 1793 erschienene Anleitung, "Walzer oder Schleifer mit zwei Würfeln zu componieren ohne Musikalisch zu seyn, noch von der Composition etwas zu verstehen", tatsächlich vom Meister verfasst wurde, steht in den Sternen. Dessen ungeachtet erfreute sich diese Spielerei bald größter Beliebtheit und wurde beispielsweise 1806 in London unter dem Titel "Mozart's Musical Game" veröffentlicht. Alles, was man zum Spiel braucht, sind a) zwei Würfel; b) die Zahlentabelle; c) den Notenteil, in dem die einzelnen Takte mit Nummern versehen sind und d) ein Notenheft. In einer Spielanleitung dazu heißt es: "Man sitzt im Kreis, jeder würfelt, sucht und singt (oder spielt) die Melodie seines Taktes und schreibt diesen auf. Dann gibt er Würfelspiel und Notenblatt an den Nachbarn weiter; dieser wiederholt den Vorgang, muss aber die vorher erwürfelten Takte im Zusammenhang mit seinem Takt erklingen lassen. Das Spiel wird in dieser Weise fortgesetzt, bis der Walzer vollendet ist."

Da Mathematik nicht zu meinen Stärken gehört, ersuchte ich Herrn Professor James Bell Cooper vom Institut für Analysis an der Johannes-Kepler-Universität Linz um Beistand und ließ mir von ihm dieses Spiel erklären. Auch wenn Professor Cooper am Ende seiner praktischen Versuche zu dem Schluss kam, dass das "Musikalische Würfelspiel" aufgrund gewisser mathematischer Gesetzmäßigkeiten tatsächlich funktioniert, verließ ich die Räumlichkeiten der Technisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät niedergeschlagener, als ich sie betreten hatte. Auf der Zugfahrt nach Wien versuchte ich mit Würfeln und Tabellen zwar noch einmal, dem Geheimnis des "Musikalischen Würfelspiels" auf die Spur zu kommen, entschied mich aber knapp vor St. Pölten, lieber mit einem im Abteil sitzenden Kind "Mensch ärgere dich nicht" zu spielen. Dass das Kind, es hieß Fritzi, die Partie haushoch gewann, brauche ich wohl nicht extra zu betonen. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.6.2006)

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