"Flug 93": Die Seite der Verlierer

2. Juni 2006, 21:16
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Unspekulativ: Paul Greengrass' 9/11-Film "Flug 93" - inszeniert ohne Stars und zum Teil mit Laiendarstellern

Wien - 44 Passagiere waren am 11. September 2001 auf den Flug United Airlines 93 von Newark nach San Francisco gebucht. Vier davon waren Terroristen. Sie hatten den Plan, das Flugzeug in Washington in das Kapitol zu steuern. Dass es nicht dazu kam, lag an einem verspäteten Abflug und an den Passagieren, die von den Angriffen auf das World Trade Center erfuhren. Sie setzten sich schließlich zur Wehr und brachten das Flugzeug über einem Feld in Pennsylvania zum Absturz. Das Geschehen rund um diesen vierten Flug im Zusammenhang von 9/11 hat der englische Regisseur Paul Green-
grass (Bloody Sunday, The Bourne Supremacy) nun zu einem halbdokumentarischen Spielfilm verdichtet.

United 93/Flug 93 beginnt mit dem Morgengebet der Terroristen, und endet mit den letzten Sekunden, die sie und ihre Opfer am Leben waren. Dazwischen zeigt Greengrass, wie das Personal in den Kontrollzentren und das Militär in den Bodenstationen zuerst ratlos, dann ungläubig, schließlich chaotisch versucht, die Ereignisse zu verstehen und etwas dagegen zu tun. Die ungeheure Plötzlichkeit der Anschläge wird in diesem knappen Film, der nichtsdestoweniger die Zeit zu dehnen scheint, um all das in sich aufzunehmen, was sich an diesem Tag auf wenige Stunden verdichtet hat, so nachdrücklich deutlich wie noch in keiner Darstellung davor.

Greengrass inszeniert - ohne Stars und zum Teil mit Laiendarstellern, die sich selbst spielen - weitgehend unspekulativ. Wo seine Version nicht durch Tatsachen gedeckt ist, sucht er nach plausiblen Lösungen. Ein guter Teil des Geschehens ist ausführlich dokumentiert, weil zahlreiche Passagiere und auch das Personal von United 93 telefonisch Verbindung mit Angehörigen und Zuständigen aufnahmen.

Die letzte Nachricht des mutmaßlichen Piloten Ziad Jarrah an seine Freundin in Deutschland interpretiert Greengrass als Indiz für einen Zweifel an der Mission. So erklärt sich auch das überraschend lange Zögern vor der brutalen Übernahme des Flugzeugs. Greengrass bleibt konsequent in der Gegenwart. Täter wie Opfer bekommen keine Biografie, ja nicht einmal Eigenschaften. Was immer die Figuren individuell machen könnte, wird beiseite gesprochen, bleibt als Halbsatz aus einem Telefondialog hängen oder wird aus dem Arabischen nicht übersetzt. Der berühmten Parole "Let's roll" fehlt jede generelle Dimension.

Greengrass verzichtet auf politische Resonanzen und schafft so einen beinahe klassischen Katastrophenfilm, mit dem entscheidenden Unterschied, dass die Heldenfunktion hier unbesetzt bleibt. Stattdessen ist die moderne Gesellschaft in ihrer ganzen Komplexität strukturell nicht in der Lage, einem Angriff dieser Art zu begegnen. Terrorismus hat das Ziel, so viele Menschen wie möglich auf die Seite der Verlierer zu holen. Flug 93 wird für diesen Nihilismus zu einem unvergesslichen Bild. (DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.6.2006)

Von Bert Rebhandl
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    Filmisches Mahnmal über den Flug 93, der zum Absturz über Pennsylvania führte, aber eine größere Katastrophe verhinderte.

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