Museum mit europäischer Dimension

3. Juni 2006, 12:00
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Mumok-Direktor Edelbert Köb präsentierte sein hochinteressantes Konzept für ein "Mumok21" in den denkmalgeschützten Rinderhallen von St. Marx

In den letzten 15 Jahren wurden die Kunstmuseen des Bundes saniert und die Museen Leopold wie Moderner Kunst erhielten Solitärbauten im MQ. Aber Hand in Hand mit diesen Maßnahmen ging die Klage der Direktoren über die nach wie vor herrschende Platznot: Die Expansion wurde zum neuen Ziel.

Klaus Albrecht Schröder, Chef der Albertina, lässt derzeit eine dritte große Halle errichten. Im Corps de Logis der Neuen Burg wird das Erdgeschoß für kulturhistorische Wechselausstellungen des Kunsthistorischen Museums umgebaut. Zudem träumt Generaldirektor Wilfried Seipel von einer unterirdischen Erweiterung des KHM samt neuer Eingangslösung am Maria-Theresien-Platz. Und MAK-Chef Peter Noever will den NS-Geschützturm im Arenbergpark, den er als Depot nutzt, zum Contemporary Art Tower (CAT) ausbauen.

Die größten Platzprobleme hat aber zweifellos Edelbert Köb, der Leiter des Mumok. Denn der Monolith aus dunklem Basalt, im Sommer 2001 eröffnet, ist nur halb so groß, wie einst projektiert: Eine Bürgerinitiative und die Kronen Zeitung hatten radikale Redimensionierungen (der Grundfläche wie auch der Höhe) erzwungen. Darüber hinaus ließ man die Idee, die Winterreithalle der Hofstallungen für Wechselausstellungen zu verwenden, fallen.

Im Mumok mit seinen 4500 Quadratmetern kann Köb die Geschichte der Kunst seit dem Ende des 19. Jahrhunderts und den Sammlungsbestand unmöglich adäquat präsentieren, wie er schlüssig darlegt: Für die klassische Moderne und die Malerei der 50er-Jahre würde er 1000 Quadratmeter benötigen, für die Sammlungsschwerpunkte Pop Art, Fluxus und Wiener Aktionismus deren 2700, für Konzeptkunst, Land Art und Arte Povera weitere 900 Quadratmeter et cetera. Allein die Installationen, über die das Mumok verfügt, haben einen Raumbedarf von 6000 Quadratmetern. Insgesamt würden daher zumindest 10.000 Quadratmeter benötigt. Dass eine solche Größenordnung nicht übertrieben ist, zeigt ein Vergleich mit anderen Museen moderner Kunst wie in Düsseldorf, Basel oder Athen. Die Tate Modern in London hat eine Ausstellungsfläche von 11.200 Quadratmetern.

Mit seinem Vorschlag, die Bereiche für moderne Kunst im MQ neu zu ordnen, stieß Köb aber auf taube Ohren. Denn er wollte unter anderem den Fischer-von-Erlach-Trakt okkupieren, in dem viele Kulturanbieter Unterschlupf gefunden haben (quartier21). Die Ziele des Areals sind aber Heterogenität und Vielfalt.

Köb machte sich daher auf die Suche nach einem anderen geeigneten Ort. Und er stieß auf die zwei denkmalgeschützten Rinderhallen des ehemaligen Schlachthofes St. Marx, 1879 bis 1891 nach den Plänen von Rudolf Frey errichtet. Seit der Stilllegung 1998 versucht die Stadt eine Nutzung für das ramponierte und aufgrund der Tangente bereits verkürzte Eisenskelettbauwerk neben dem architektonisch herausragenden T-Mobile-Center zu finden. Bisher allerdings ohne Erfolg.

Bestand muss gesichert werden

Gute Chancen auf Umsetzung wurden zuletzt, im Sommer 2005, einem automobilen Entertainment-Center für die Oldtimer-Szene samt Hotel eingeräumt. Rudolf Mutz, Direktor der Wiener Stadtentwicklung (WSE), zeigte sich zwar angetan, eine endgültige Entscheidung, für Ende 2005 anvisiert, fiel aber nicht. Denn zuerst soll einmal der Bestand gesichert werden. An wen die beiden nebeneinander liegenden, je 9000 Quadratmeter großen Hallen vermietet werden, ist daher noch offen.

Und das gibt Köb Hoffnung. Zumal sein Projekt eines Mumok21, in den letzten Monaten mehrfach präsentiert, bei Bürgermeister Michael Häupl und weiteren Stadtpolitikern auf hohes Interesse gestoßen sei. Es trägt selbst dem Umstand Rechnung, dass die WSE nur einem Gesamtkonzept zustimmt: Köb entwickelte mit dem Architekten Adolf Krischanitz ein exaktes Raum- und Funktionsprogramm.

Die nördliche Halle wäre das eigentliche Mumok21: Untergebracht würde ein zweigeteiltes Schaulager für die Kunst ab 1980 (1500 Quadratmeter), eine Halle für Sonderausstellungen (650 Quadratmeter), eine Bereich für die Präsentation von Privatsammlungen (600 Quadratmeter), eine Ausstellungsfläche zum Beispiel für Großskulpturen und Installationen (3140 Quadratmeter), ein unterirdisches Depot (2380 Quadratmeter) und eine Veranstaltungsfläche (1670 Quadratmeter). Jannis Kounellis und Anselm Kiefer, von Köb kontaktiert, stellten bereits in Aussicht, für die Rinderhalle Werke mit Symbolcharakter zu produzieren.

In der zweiten Halle könnte eine lichtdurchflutete Shopping- und Freizeitmeile mit mediterranem Flair entstehen. Aber auch andere Nutzungen, die synergetische Effekte haben, seien möglich. Man verhandle daher, so Köb, mit Developern und Interessenten.

Das Mumok21 wäre, meint er, ein Motor für das Stadtentwicklungsgebiet St. Marx, da die Attraktivität für Geschäftsansiedlungen gehoben würde: "Die große Veranstaltungsfläche garantiert eine lebendige, junge Szene. Es gäbe endlich einen - auch im internationalen Vergleich - spektakulären und in seinen Inhalten attraktiven Ort für Gegenwartskunst. Und Wien würde wieder ein Ausstellungsareal für Großausstellungen besitzen."

Kosten: acht bis zehn Millionen Euro

Realisiert werden soll das Mumok21 als Private Public Partnership. Das Bildungsministerium habe Bereitschaft gezeigt, einen gewissen Teil der Errichtungskosten - die Schätzungen liegen bei acht bis zehn Millionen Euro - zu übernehmen. Köb führt derzeit seiner Meinung Erfolg versprechende Gespräche mit potenziellen Partnern aus der Privatwirtschaft - und mit Privatsammlern, die an einer (dauerhaften) Präsentation Gefallen finden könnten. Die in Aussicht gestellten Schenkungen beziehungsweise Dauerleihgaben würden diesem Museum, so Köb enthusiasmiert, "die notwendige europäische Dimension" verleihen... (DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.6.2006)

  • Rinderhalle in St. Marx als Museum für Gegenwartskunst: Rendering von Krischanitz und Frank Architekten.
    visualisierung: schreiner, kastler

    Rinderhalle in St. Marx als Museum für Gegenwartskunst: Rendering von Krischanitz und Frank Architekten.

  • Blick von außen auf den lichtdurchfluteten Eisenskelettbau neben der T-Mobile-Zentrale.
    visualisierung: schreiner/kastler

    Blick von außen auf den lichtdurchfluteten Eisenskelettbau neben der T-Mobile-Zentrale.

  • Artikelbild
    plan: adolf krischanitz/mumok
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    plan: adolf krischanitz/mumok
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