Menschen wie du und ich, aus Fleisch und Gips

4. Juni 2006, 16:28
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M. Blechers Sanatoriumsroman "Vernarbte Herzen" versorgt schlimme Wunden der Moderne

Sanatorien waren Probierlabors der Frühmoderne: exponierte Orte, die sich aufgrund ihrer Isolation zur schmerzlichen Selbstwahrnehmung und Seelenzergliederung der Gesellschaft bestens eigneten. Hier konnten den trostlosesten, weil physisch sterbenskranken, zu Tode gelangweilten Vertretern einer Kaste von Kulturträgern bequem die Krankenatteste ausgestellt werden. Es handelt sich bei Romanen wie M. Blechers Vernarbte Herzen um Wahrnehmungsberichte einer "unproduktiven" Generation, die vor den Donnerschlägen des Ersten Weltkriegs zusammenzuckte oder im Nachhall der Materialschlachten einen schleichenden Substanzverlust an Leib, Seele und Kultur erlebte.
Trotzdem wird man die Texte des an Knochentuberkulose erkrankten rumänisch-jüdischen Autors Blecher (1909-1938) nicht ohneweiters Manns Zauberberg-Behaglichkeit an die Seite stellen wollen - in voller Anerkennung natürlich der Auseinanderfältelungskunst, die der große Lübecker Hans Castorp und dessen Konsorten angedeihen ließ.


Blecher ist ein umso ernsterer Registrator einer unfreiwilligen Umbauleistung: Sein in Paris lebender Held Emanuel, dessen Wirbelsäule den Wirkungen einer schleichenden Degeneration unterliegt, wird in ein einschlägiges Sanatorium an die französische Atlantikküste überstellt. Dort werden den Schwindsüchtigen Gipskorsette angepasst. Emanuel, trotz einer gewissen Inklination zur Melancholie ein grundsätzlich geselliger Typ, gewahrt nicht ohne Erstaunen die Panzerungsmechanismen einer Runde von Schmerzenskollegen, die einander ausgestreckt auf Rollwägelchen begegnen. Erotische Blickkontakte werden über Spiegelkonstruktionen angebahnt.

Emanuel, ein Bildungs- und Entwicklungsheld ohne rechte Zukunftsperspektive, holpert auf dem Pferdewagen ziellos über Dünen. Er erfährt die Einschränkungen, die ihm das Leiden auferlegt, als schmerzliche Einschnitte in seine soziale Integrität. Schlimmer noch: Der erzwungene Vorruhestand imprägniert die Gegenstände der Welt - saugt ihnen, einem unbegreiflichen Mechanismus der Entleerung folgend, das Mark aus. "Gewiss, die Welt existiert weiter", bekennt ein Kamerad und Leidensgenosse Emanuels, "aber jemand hat mit einem Schwamm die Bedeutung von den Dingen gewischt . . ."
Man kann Blechers hauchzarter Prosa die Dringlichkeit nicht absprechen: Der Autor, dessen Einsichten der eigenen Krankenexistenz unter unvorstellbaren Mühen abgerungen waren, erfasst ein Vakuum, für dessen Beschreibung er abstrakte wie sinnlich-konkrete Valeurs aufbietet - was ihn freilich nicht durchwegs vor den Anfechtungen durch den (überwiegend erotischen) Kitsch feit.

Vielleicht ist es auch Ernest Wiechners gleichwohl verdienstvoller Übersetzung zuzuschreiben, dass Blechers Prosa, die das große, uneingelöste Versprechen eines an Kafka gemahnenden Sensualismus in sich enthält, bisweilen nach Lavendel duftet - dass sie Blütenträume enthält und ihre Wahrnehmungsschärfe bisweilen mit Eau de Toilette überstäubt. (DER STANDARD, Printausgabe, 3./4./5. 6.2006)

Von Ronald Pohl
  • M. Blecher: "Vernarbte Herzen"Aus dem Rumänischen von Ernest Wiechner. € 15,30/230 Seiten. Suhrkamp Frankfurt/Main 2006
    buchcover: suhrkamp

    M. Blecher:
    "Vernarbte Herzen"
    Aus dem Rumänischen von Ernest Wiechner. € 15,30/230 Seiten. Suhrkamp Frankfurt/Main 2006

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