Pfirsiche, Pelzlippen: Collagen von Herta Müller

4. Juni 2006, 16:31
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Im Band "Die blassen Herren mit den Mokkatassen" jubelt die Sprache

In jeder Sprache sitzen andere Augen", schreibt Herta Müller. Andere Augen erblicken eine andere Welt. Andere Fasane etwa. Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt nannte Herta Müller 1986 eine ihrer ersten Prosa-Veröffentlichungen. Den fremd anmutenden Satz hatte sie einer rumänischen Redewendung entlehnt. Geboren und aufgewachsen in einem Dorf im schwäbischen Banat als Kind einer deutschsprachigen Familie, hatte sie die Fasane ihrer Jugend als Angeber beäugt, die mit dem goldenen Schimmer ihres Kleids durch die Felder stolzierten.

Die rumänische Sprache, erfuhr sie später, sieht im Fasan den Verlierer: "Der Fasan kann nicht fliegen. Er ist ein Vogel, der im Offenen lebt. Und entkommt dem Jäger nicht. Er ist ein getötetes Tier. Wenn der Jäger hinter ihm her ist, hat er keine Chance. Und wenn das Leben hinter dir her ist, hast du keine Chance", erzählt Herta Müller im Gespräch.

Fasane huschen auch durch ihre jüngsten Texte: "sag mal fragt einer spricht man bei euch am Tisch Fasanisch gewiss sag ICH erst gestochen dann gebrochen ..." Fasanisch - die Sprache der Verlierer - oder der Angeber? Der angeberischen Verlierer? Die rätselhafte Wendung bewahrt, wie so viele in Herta Müllers Collagen - denn um eine solche handelt es sich - ihr Geheimnis. Und enthebt den Leser fasanenfederleicht der Mühe, ihm hinterherzugrübeln. Um stattdessen den eigenen Vogelsprachwelten nachzuspüren.

Die blassen Herren mit den Mokkatassen nannte sie den Band - das dritte ihrer literarischen Werke, das sie mit Schere und Klebstoff schrieb. Bereits 1993 erschien bei Rowohlt eine solche Müller'sche Kostbarkeit: In ein dunkelrotes Kästchen, das ein schwarzer Schattenmann zierte, bettete sie 96 Postkarten. Der Wächter nimmt seinen Kamm hieß die Sammlung. Ihr Entstehen verdankt sich nicht zuletzt der Begeisterungsfähigkeit von Michael Naumann, dem späteren deutschen Kultur-Staatsminister und ZEIT-Herausgeber und damaligen Leiter des Rowohlt-Verlags. Naumann stellte pekuniäre Erwägungen zurück und half stattdessen bei der Gestaltung. Längst ist das literarische Schächtelchen vergriffen, selbst antiquarisch kaum aufzufinden.

Jahre später, 2000, erschien, gleichfalls bei Rowohlt, der Band Im Haarknoten wohnt eine Dame. Nun also, mittlerweile bei Hanser, Die blassen Herren mit den Mokkatassen.

Vergleicht man die drei Sammlungen, fällt die zunehmende Heiterkeit auf, die zwischen den düsteren Bildern aufblitzt - etwa in der Collage von Herrn Klenk, dem Friseur, und seinem Kunden: "zur Mittagsstunde kam dieser Kunde mit dem / schweren holzkahlen Kopf setzte sich locker vorn / auf den Hocker und sagte Herrn Klenk er / solle ihn scheren er wolle die volle Rechnung / bezahlen und dann zu einer Hochzeit / FAHREN / Herr Klenk sagte wir sind uns im Klaren / begann hinter dem Mann mit zehn krummen / Fingern durchs Leere zu fahren und mit / dem Mund wie ein Werkzeug zu brummen"

Auch bunter wird die Collagen-Welt: Dominieren in der Geschichte von Herrn Klenk grüne und blaue Töne, hat also Herta Müller die Worte aus blau- und grün-grundierten Texten geschnipselt, leuchtet wenige Seiten weiter eine knallrote "Kirsche" aus der Seite, über der, einige Zeilen höher, ein großer, dunkelgrauer "Hunger" thront - dazwischen - weiß-schwarz und winzig, eine "Zuckergasse".

Löste sie früher die Worte aus ihrem Zeitungshaus heraus, entscheidet sie sich heute meist für das haltbarere Papier der Illustrierten. Literatur ist tabu. Die Wahl für gewöhnliche Texte hat auch einen inhaltlichen Hintergrund: "Das sind ja gar nicht meine Wörter", nennt ihn Herta Müller. Auch die Dichtung, sagen die Schnipsel, bedient sich der Wörter einer vorgefundenen Sprachwelt.

Herta Müllers zunehmend verspielten Reflexionen über die Sprache liegen mehrere Schlüsselerlebnisse zugrunde: Der Wechsel aus der weit gehend wortkargen, streng kodierten Sprachwelt des Heimatdorfs - aus einer Welt von Menschen, "die mit Sprache überhaupt nichts tun, außer ihre Handgriffe zu beschreiben" - in die Stadt, in die Literatur. Ferner das Erlernen einer zweiten Sprache, des Rumänischen, mit fünfzehn. Und das Leben in der Diktatur, in der sie bei Verhören lernte, wortreich zu schweigen: "Ich kann auch reden, um nichts zu sagen. Ich kann auch reden, damit es nicht auffällt, dass ich nichts sagen will. Ich kenne alle diese Tricks von Verhören. Es gibt so viele Arten zu reden, die mehr verschweigen, als sie sagen. Und manchmal sagt das Schweigen alles. Dann muss man reden, damit es nicht alles sagt."

In ihren Collagen richtet sich Herta Müllers Sprach-Auge auf die verborgene Rede der Welt. Der Leser aber ist aufgefordert, das seine lauschend, lesend zu öffnen. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 3./4./5. 6.2006)

Von Cornelia Niedermeier
  • Herta Müller: "Die blassen Herren mit den Mokkatassen"€ 18,40/112 S., 105 Collagen. Hanser, München
    buchcover: hanser

    Herta Müller:
    "Die blassen Herren mit den Mokkatassen"
    € 18,40/112 S., 105 Collagen. Hanser, München

  • "ich wäre
gern der
Schaum am
Lippenstück
der Klarinette
/ das
dämmrige
Geld der
Diebe / oder
das magere
Gebell der
Hunde /
gegen das
Rippenmuster
einer
Jacke":
Collage
aus dem
besprochenen
Band.
    buchscan aus dem besprochenen band

    "ich wäre gern der Schaum am Lippenstück der Klarinette / das dämmrige Geld der Diebe / oder das magere Gebell der Hunde / gegen das Rippenmuster einer Jacke": Collage aus dem besprochenen Band.

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