Die arisierte Moderne ...

6. Juni 2000, 20:13

Angewandte Restitution: Fallbeispiele aus der II. Republik

Das von Adolf Loos entworfene Haus Moller zählt zu den weltbekannten Herzeigeobjekten der Moderne. Der Fabrikant lebte mit seiner Familie genau zehn Jahre in diesem Haus, 1938 wurde es nicht "arisiert", sondern "lediglich" beschlagnahmt und der Verwaltung des Reichsfiskus unterstellt; Moller selbst konnte Hals über Kopf nach Palästina flüchten. 1946 wurde die Beschlagnahmung aufgehoben - unter einer Bedingung: Der Hausherr musste zuvor die 1938 vorgeschriebene "Vermögensabgabe für Juden" zahlen!

Nicht nur in diesem Punkt wollten die neuen Staatsverwalter allem Anschein nach Versäumnisse der Nazis "wiedergutmachen". Das Rückgabedokument (welches sich heute im Stadt- und Landesarchiv befindet) beinhaltet auch die Zahlungsforderung der Grundsteuer aus den Jahren 1938-45 zuzüglich Zinsen, denn Herr Moller war ja grundbücherlich stets Eigentümer der Villa.

Die Einnahmen aus der Vermietung der Villa durch den Reichsfiskus - die bekam Herr Moller natürlich nie.

Der Räuber als Rücksteller

Die meisten Enteigneten bekamen ihre Liegenschaft gar nicht zurück. Dafür sorgten schon die "braunen Seilschaften", welche maßgeblich auf die Formulierung der Rückstellungsgesetze Einfluss hatten. So lebte die Idee der Nürnberger Rassengesetze fort.

Die Restitution jüdischen Eigentums war an eine eingeschränkte Erbfolge geknüpft. Wurde beispielsweise die "engere" Familie ermordet, so konnte sich der Ariseur glücklich schätzen: Er musste ganz gewiss nichts zurückgeben. Das fünfte Rückstellungsgesetz stammt gar aus der Feder des nationalsozialistischen Juristen Walter Kastner. Nach 1938 war er für die "Arisierung" der Industrie zuständig, ab 1946 für deren Rückstellung. Außerdem setzte er durch, dass das Gesetz zur Rückgabe von Mietwohnungen nicht beschlossen wurde: Schließlich hatte er selbst eine solche in Bestlage arisiert.

Die sozialistische Gemeinde Wien buhlte um die Nazi-Stimmen und tat alles, dass die Emigranten nicht zurückkamen. Die einstigen Mieter durften sich keine Hoffnung machen, Wohnungen zu bekommen. Ebenso wenig waren für die emigrierten Architekten des Roten Wien Bauaufträge zu erwarten. Für Josef Frank etwa, dem Organisator der Werkbundsiedlung in Lainz, mit der er das bis zum heutigen Tage einzige Manifest internationalen Bauens in Wien schuf - eine jenseits der Grenzen Österreichs stets hochgehaltene Ikone.

Fast könnte man in Anbetracht der anderen bedeutenden Bauten des fortschrittlichen Wien sagen, es wäre keine Ikone, stünde nicht Geschichtsleugnung dahinter: Der einstige Direktor der sozialistischen Baufirma GESIBA (welche die Siedlung errichtete), Hermann Neubacher, avancierte zum ersten nationalsozialistischen Oberbürgermeister Wiens. Nach einem kurzen Nachkriegsintermezzo bei Haile Selassie war er wieder ein viel beschäftigter Wirtschaftsfachmann in Österreich.

Gut die Hälfte der die Werkbundsiedlung planenden Architekten hingegen mussten nach dem "Anschluss" emigrieren, die jüdischen Bewohner wurden fristlos gekündigt.

Die einen und die anderen

Andere Bewohner verbesserten ihre Wohnsituation. Sie "arisierten" in der Umgebung liegende Villen. All diese Villen der Moderne, die in die internationale Architekturhistoriographie aufgenommen worden sind, wurden nach 1938 den Besitzern geraubt: etwa die Loos-Villen von Hugo und Lilly Steiner oder von Gustav und Helene Scheu, der Josef-Hoffmann-Bau Skywa-Primavesi (Eigentümer Familie Panzer). Oder die von Josef Frank für Julius Beer entworfene Villa, die laut Friedrich Achleitner "wohl das bedeutendste Beispiel der Wiener Wohnkultur der Zwischenkriegszeit ist". Heute noch steht sie im Besitz der Ariseursfamilie Pöschmann.

Und heute? - Blickt man auf die vor zwei Jahren wiederaufgenommene zögerliche bis zynische Restitutionspraxis von Kunstgegenständen (Österreichische Galerie, Museum der Stadt Wien), so kann man kaum Hoffnung schöpfen, dass sich im Bereich der Immobilien etwas bewegen wird. Relativ unkompliziert hingegen wäre es, die Reichsfluchtsteuer rückzuerstatten, denn die Anfang der 60er-Jahre dafür ausbezahlten Entschädigungen machten nur einen Bruchteil des realen Wertes aus.

Die Republik Österreich wird noch eine Antwort finden müssen, warum Adel und Kirche ihre durch die Nationalsozialisten konfiszierten Güter nach Kriegsende sofort zurückbekamen - bei jüdischem Besitz verhielt und verhält sich das anders ...

Stephan Templ arbeitet von Wien und Prag aus für das Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen" und der "Neuen Zürcher Zeitung".

* Unter Mitwirkung des Autors findet heute Abend im Architekturzentrum Wien eine Diskussion zu diesem Thema statt ("Geraubte Gärten").

... und die Ignoranz der Politik: Stephan Templ hat angesichts der bisherigen Praxis bei der Rückgabe von NS-Raubgut wenig Hoffnung auf eine Wende zum Positiven.*
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