Der Opernbergbesteiger

9. Juni 2006, 13:50
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Rolando Villazón hätte beim "Konzert für Europa" singen sollen - Der Tenor im Gespräch über Karrieregefahren und Anna Netrebko

Wien - Der Mann hat karrieremäßig einen echten Lauf. Zu Recht. Es hat sich nämlich herumgesprochen, dass der Mexikaner Rolando Villazón zurzeit wohl wie kaum ein anderer Tenor gesangliche und schauspielerische Anforderungen zu erfüllen versteht. Und da er auch abseits der Bühne für lustige Showmomente gut ist, beginnt sein Ruhm auch das an Oper weniger interessierte Publikum zu tangieren, das man längst bei popartigen Konzerten mit schöner Hitkost versorgt.

In Wien hätte Villazón - wäre das Konzert wegen Schlechtwetters nicht abgesagt worden - seinen Mentor Plácido Domingo treffen sollen, der ja gerne dirigiert und durch den Villazón zur Oper kam, weil den Jungen die Stimme des Kollegen einst so beeindruckte. Gemeinhin steht bei diesen Großveranstaltungen jedoch Anna Netrebko an seiner Seite, die natürlich noch ein bisschen mehr Popularität genießt. Im November wird man gemeinsam in der Wiener Stadthalle auftreten.

Das Tempo der letzten Monate sieht er folgendermaßen: "Auf der einen Seite bin ich überrascht darüber, wie viel passiert. Andererseits sehe ich unentwegt Arbeit, Arbeit, Arbeit. Es ist, als würde ich ständig einen Berg besteigen. Alles sagen, es sei bei mir alles sehr schnell gegangen. Das sehe ich nicht so. Es war nicht plötzlich, es ging Schritt für Schritt. Vielleicht habe ich einzelne Schritte schnell gemacht. Wofür es normalerweise ein Jahr braucht, das passierte bei mir in wenigen Monaten, weil sich die Dinge ergaben."

Die Gefahren

Die eine oder andere Gefahr sieht er: "Man kann Konzentration verlieren, kann sich einbilden, man müsse unbedingt auf die Titelseite eines Magazins, und man kann sich zu sehr auf den Verkauf von CDs konzentrieren. Aber ich passe auf. Das Ziel ist ein künstlerisches. Das muss bleiben. Aber natürlich ist Geld involviert. Ich bin nicht nur Künstler sondern auch ein Produkt."

Letztlich habe er aber kein Problem damit. "Würde ich nicht gut singen, würde das alles nicht so laufen. Man muss nur die Balance wahren." Eine Gefahr ist vielleicht, nur noch als Partner von Anna Netrebko zu gelten - die beiden sind ja jetzt zusammen bei der Deutschen Grammophon.

"Darüber machte ich mir kurz Sorgen. Mittlerweile glaube ich nicht, dass mich die Leute so sehen. Wäre auch egal. Wir gehen auf die Bühne, und da ist keine Konkurrenz. Ich habe einfach eine tolle Kollegin. Würde ich Angst haben, neben ihr meine Individualität zu verlieren, hätte ich nicht genug Vertrauen in meine Fähigkeiten als Performer. Und: Wegen ihr bin ich nicht zur DG gegangen, aber ich bin froh, dass sie dort ist." Bei Großkonzerten arbeitet man mit Mikrofon, das aber beeinflusst seinen Gesang nur wenig.

"Ich ändere meinen Gesang nicht. Wenn man einen Popsong singt, müsste man anders an die Sache herangehen. Aber ich singe Opernarien, und die verlangen einen bestimmten Zugang, ob nun ein Mikro da ist oder nicht. Allerdings: Mit Mikro forciert man nicht so, und das ist eine Erfahrung, die man für Opernaufführungen nutzen kann."

Es wird noch viele davon geben, irgendwann will er auch Lohengrin machen. Aber da ist noch mehr. Der Mann, der kurz auch Geistlicher werden wollte und - egal, wo er gerade ist - gerne seinen Psychoanalytiker anruft, macht auch gerne Karikaturen und möchte unbedingt einmal ein Buch schreiben. (DER STANDARD, Printausgabe 3././5. 6. 2006)

Von Ljubisa Tosic
  • Ein Treffen guter alter Freunde - unter Anwesenheit der Philharmoniker: Rolando Villazzón (li.) und Plácido Domingo.
    foto: hey-y/gruen

    Ein Treffen guter alter Freunde - unter Anwesenheit der Philharmoniker: Rolando Villazzón (li.) und Plácido Domingo.

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