Whiskey, Worte, Körper­nacht: "Wer hat Angst vor Virginia Woolf ...?"

2. Juni 2006, 21:53
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Ein hoch musikalisches Quartett der Worte und Körper mit Corinna Harfouch und Ulrich Matthes in der zurückhaltenden Regie von Jürgen Gosch

Wien - Exzess auf amerikanisch: Alkohol, Zigaretten, Selbstekel. Mit schwerer Zunge hervorgebrachte verbale Entgleisungen. Demütigungen, hasserfüllte Zerstörung fragiler Selbstbilder. Familien-Höllen, Ehe-Höllen. Szenen, die, auf Zelluloid gebannt, das Bild der Gesellschaft der Fünfziger-, der Sechzigerjahre von Amerika aus prägten.

Der Ekel über die Lüge Leben steckte fest in den Körpern von Elizabeth Taylor, von Richard Burton und Paul Newman. Und brach, nachttrunken, aus ihnen hervor.

Angewidert von der eigenen Angepasstheit des Tages schien nur im nächtlichen Absturz Befreiung, die Lockerung der inneren Bürger-Krawatte, des Bürgerinnen-Korsetts - als alkoholisierte Wahrheit - möglich.

Die Texte zu diesen Dramen schrieben neben - und vor - dem Leben Autoren wie Tennessee Williams, Eugene O'Neill oder Edward Albee. Albees Wer hat Angst vor Virginia Woolf ...? aus dem Jahr 1962 liest sich heute geradezu als szenische Ikone jener Jahre des Kalten Kriegs auf der Wohnzimmercouch.

Ob es an jenen unverzichtbaren Requisiten liegt - dem Whiskeyglas, an dessen Wände die Eiswürfel klackern, der Zigarette und ihrem zart sich verflüchtigenden Dunst -, trotz ihres psychologischen Feinschliffs wirken die Dramen der Amerikaner jener Generation heute vielfach historisch ferner als mancher Ibsen, mancher Strindberg, jeder Tschechow.


Souveränes Spiel

Die Möglichkeit zu großem Schauspieler-Theater liefern sie jedoch allemal. Wenn George, der gescheiterte Professor für Geschichte, und seine Frau Martha, Tochter des College-Rektors, sich vor den Augen und Ohren des jüngeren Paares - er Biologe, sie immerhin mit Geld gesegnet - kunstgerecht zerfleischen, jahrzehntelang gezogene Schutzfilme binnen Minuten abreißen, ist große Bühne abgesagt. Oder Peinlichkeit.

Corinna Harfouch und Ulrich Matthes bürgen in der Inszenierung von Jürgen Gosch, die derzeit bei den Festwochen gastiert, souverän für ersteres. Selten sah man in Wiens Häusern zuletzt einen Abend von ähnlicher darstellerischer Dichte - schon gar nicht im Volkstheater. Zwei pausenlose Stunden lang stimmte hier jede Geste, jeder Blick, jede Pause, jeder Tonfall. Wenig mehr als die nötigsten Albee-Requisiten - Flaschen, Gläser, ein Ascher, ein Tisch, vier stapelbare Sessel - genügten, um das schwarze Loch der bis zur Brandmauer leergeräumten Volkstheater-Bühne in die Wohnzimmer-Höhle zu verwandeln.

(Wie diese arg strapazierten Bretter sich fühlen mochten, so ungewohnt wenig Gewicht und soviel Kunst zu tragen?)

Zumal Katharina Schmalenberg und Alexander Khuon als Honey und Nick sorgten neben den Großstars für die verblüffend äquilibrierte Musikalität des nächtlichen Quartetts: Weit davon entfernt, sich mit den Parts der zweiten Geige und der Bratsche zu begnügen, entwickelten sie ihre Rollen zu großen Solo-Momenten, in denen zumal die weich-bewegliche Körperlichkeit der Jugend zu einer eigenen, so noch nicht gesehenen Aussage-Ebene fand: In diese Körper, erzählte der Abend jenseits von Albees Text, von Whiskey und Zigaretten, sind die Muster gesellschaftlicher Selbstbeherrschung noch nicht eingeschrieben.

Die Bahnen sind noch nicht gespurt. Die entspannte Gelöstheit der Muskulatur ist es, die dem Geist hier einen Weg weist. (DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.6.2006)

Von Cornelia Niedermeier
  • Der tödliche Schuss - ein Faschingsscherz. Nur scheinbar tödlich - in Wahrheit längst Gewohnheit - sind auch die nächtlichen Verletzungsrituale von George (Ulrich Matthes) und Martha (Corinna Harfouch).
    foto: festwochen /drama. agentur für theaterfotografie/iko freese

    Der tödliche Schuss - ein Faschingsscherz. Nur scheinbar tödlich - in Wahrheit längst Gewohnheit - sind auch die nächtlichen Verletzungsrituale von George (Ulrich Matthes) und Martha (Corinna Harfouch).

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