"Billy blieb immer auf Augenhöhe"

13. Juni 2006, 11:40
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Volker Schlön­dorff im STANDARD-Interview über seinen Freund Wilder, der am 22. Juni 100 Jahre alt geworden wäre: Anlass für eine große Retrospektive des Filmarchivs Austria

Der Filmemacher Volker Schlöndorff, der mit Wilder befreundet war, kam zur Eröffnung ins Gartenbau-Kino. Dominik Kamalzadeh traf ihn zum Gespräch.


Standard: Herr Schlöndorff, Sie gehören zu den wenigen Menschen, die von Billy Wilder einen Fanbrief bekamen. War das der Anfang Ihrer Freundschaft?

Schlöndorff: Damals kannte ich Billy Wilder noch nicht, liebte aber seine Filme. Da kam von den Universal Studios ein Brief, in dem er schrieb, dass er Die verlorene Ehre der Katharina Blum gesehen hatte und ihn für den besten deutschen Film seit Fritz Langs M halten würde. Ich hielt das zunächst für einen Scherz. Dann habe ich Antworten entworfen, aber nie abgeschickt. Ein halbes Jahr später kam er nach München, um Fedora zu drehen. Da hat er mir ausgerichtet, was es für eine Frechheit wäre, dass ich nie geantwortet habe. (lacht) Ich bin zu ihm ins Hotel gegangen, um mich zu entschuldigen.

STANDARD:Worüber sprechen zwei Filmemacher, wenn sie unter sich sind?

Schlöndorff: Wir waren immer dem Geheimnis auf der Spur, was ein guter Film ist. Das trieb ihn um und mich natürlich auch. Wir sind wie zwei Profis dagesessen, die ein Rennen analysieren. Wo haben wir Fehler gemacht? Und warum. Wilder war ja ein großer Sportfan. In Amerika wurde er zum Baseball-Begeisterten.

STANDARD:Am Ende der 20er-Jahre hat Wilder in Berlin ja auch über Sport geschrieben . . .

Schlöndorff: Wilder war Reporter, und das blieb er im Grunde auch. Sein Schreibstil war davon sicher beeinflusst. Über die Sportreportersprache hat er ja auch Englisch gelernt - diese quirlige Lebendigkeit des Sprechens.

STANDARD:Beim Film begann Wilder als Drehbuchautor zu arbeiten. Das Schreiben blieb ihm immer sehr wichtig. Stilistische Eigenheiten forcierte er dagegen nicht allzu sehr.

Schlöndorff: Er hat ja stets gesagt, dass er nur aus Notwehr Regisseur geworden ist, um seine Bücher zu schützen. Aber ich finde, dass er eine Eleganz in der Filmsprache entwickelt hat, eine Knappheit in der Inszenierung, die schon sehr persönlich ist. Dass es nichts Auffallendes - sozusagen Originelles - in seiner Filmsprache gibt, war ja sein Bemühen. Er suchte keine exzentrischen Einstellungen, etwa aus der Froschperspektive, sondern blieb immer auf Augenhöhe.

STANDARD:Ein Ideal des klassischen Hollywoodkinos.

Schlöndorff: Ja, aber das wollte er auch so. Er meinte, anderes stehe dem Kino nicht zu. Wenn das Kino Kunst wird, ist es verdächtig. Das Kino soll geradeheraus sein. Es gab eine Einstellung in Ace in the Hole, da sieht man im Vordergrund einen Spucknapf, die Kamera am Boden, und am Ende fällt Kirk Douglas vornüber. Da sagte Wilder immer: "Entsetzlich, entsetzlich, von wem aus soll das gesehen sein?"

STANDARD:Am Set soll Wilder sehr umgänglich gewesen sein.

Schlöndorff: Wilder wollte nie der große Zampano sein, der seine Darsteller hypnotisiert, auch kein Analytiker oder Therapeut wie Elia Kazan. Er wollte immer den Anstand, die Umgangsformen am Set bewahren, ohne das Ergebnis dabei zu schmälern. Er konnte aber auch sehr hart sein. Seine Kämpfe mit Studios sind legendär. Er war ein Pokerspieler. Als die Produzenten den Titel Love in the Afternoon nicht wollten, hat er sein Drehbuch genommen und gesagt: "Ich fahr nach Hause, das dauert etwa zwei Stunden, und wenn sie bis dahin nicht angerufen haben, dann mach' ich den Film nicht."

STANDARD:Über Fritz Langs kontrollierte Form der Inszenierung - er zeichnete den Weg der Darsteller immer akribisch mit Kreide vor - macht er sich in "Billy, How Did You Do It?", Ihren TV-Gesprächen mit ihm, lustig.

Schlöndorff: Das lag ihm gar nicht. Er wollte den Schauspielern keine Vorschriften machen. Allerdings ganz ohne Kreide geht's auch nicht. Wilder ging es mehr darum, die Bewegung gemeinsam mit den Schauspielern zu finden. Wie pedantisch er selbst war, weiß man etwa aus der Arbeit mit Marilyn Monroe. Wenn nur ein Satz oder ein Komma von ihr falsch ausgesprochen wurde: Cut! Nochmals! Am Set saß immer der Drehbuchautor, der wie ein Buchhalter jeden Satz und jede Intonation überprüfte. Diese Strenge hatte er als Stilist. Er hat an seinen Filmen gearbeitet wie an einem Uhrwerk. Das musste dann ziemlich lautlos laufen.

STANDARD:Dieses verkürzte Erzählen verehrte er auch sehr an Lubitsch.

Schlöndorff: Ja, es ging ihm stets darum, wie man dasselbe mit noch weniger Elementen erzählen kann, ohne den Zuschauer zu belehren. Der soll seine Schlüsse selbst ziehen. In The Seven Year Itch wollte und durfte Wilder aufgrund der Zensurbestimmungen nicht zeigen, wie Monroe und Tom Ewell miteinander schlafen. Er sagte immer, er hasse diese Bretzel-Szenen, wo man nicht weiß, ist das ihr Knie oder sein Ellbogen . . . Also nur ein Hinweis: Am nächsten Morgen liegt eine Haarnadel im Bett. Das wurde dann allerdings geschnitten. Die Zensur hat aufgepasst. (DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.6.2006)

Die Billy-Wilder-Retrospektive läuft bis 7. Juni im Gartenbau-Kino und bis 9. Juli im Metro-Kino.

Zur Person

Volker Schlöndorff
(67) ist als Regisseur vor allem mit Literaturverfilmungen bekannt geworden. Mit Margarethe von Trotta realisierte er Die verlorene Ehre der Katharina Blum, für die Verfilmung von Günter Grass' Die Blechtrommel wurde er mit einem Oscar ausgezeichnet. Mit Billy Wilder war er zwanzig Jahre lang freundschaftlich verbunden. (kam)
  • "Billy, How Did You Do It?": Der deutsche Filmemacher Volker Schlöndorff erzählte anlässlich der Eröffnung einer Billy-Wilder- 
Retrospektive im Wiener Gartenbau-Kino Anekdoten über den Hollywoodregisseur und Stars wie Marilyn Monroe.
    foto: standard/regine hendrich

    "Billy, How Did You Do It?": Der deutsche Filmemacher Volker Schlöndorff erzählte anlässlich der Eröffnung einer Billy-Wilder- Retrospektive im Wiener Gartenbau-Kino Anekdoten über den Hollywoodregisseur und Stars wie Marilyn Monroe.

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