Der Tick von Genf

28. Juni 2006, 00:41
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Die wahren Luxusgüter in Genf sind kostenlos, mitunter sogar Uhren

Eine Treppe führt in Industrie-Hallen, in denen jetzt, wie am Fließband, Flusskrebs-Brötchen und Rosé-Champagner vertilgt werden. Sogar von einem Windhund im schicken Cape, der den Couture-Klamotten der vielen hageren Mädchen durchaus Konkurrenz macht. Auch so kann man mit Genf auf Tuchfühlung kommen, und es ist nicht die schlechteste Art.

Der Salon International de la Haute Horlogerie ist eine der wenigen Produktschauen, bei denen statt gelangweilter Kartenabreißer wachsame Security-Menschen mit Pumpguns an den Ausgängen stehen, um auf die sagenhaft angehäuften Luxusuhren aufzupassen, die hier, wie jedes Frühjahr, von Luxusuhrenmenschen begutachtet werden. Am Abend werden Fachjournalisten mit neuen Katalogen und kleinen Werbegeschenken zurück in die Stadt entlassen: Überdimensionierte Kalbsledergeldbörsen und butterweiche Kalbsleder-Timeplaner zählen dazu. Wer je mit einer, mit rund zwanzig leeren Kreditkartenfächern ausgestatteten, aber ansonsten auf Ebbe gedimmten Kalbsledergeldbörse in Genf landete, kann freilich vieles lernen.

Erstens, dass sogar Blankheit in Ordnung geht, weil einem diese Stadt doch alles, was Wert hat, ohnehin gratis gibt: Den Blick auf den Montblanc etwa - und sei es bei Schlechtwetter auch nur auf den Montblanc-Füller im entsprechenden Store. Viel frische Luft schenkt einem Genf, von den umliegenden Bergen stetig heruntergefächelt.

Luxussprudel

Und reines Wasser natürlich, so ziemlich den besten Drink, den man zum Nulltarif haben kann, und der am gegenüberliegenden Seeufer, in Evian-les-Bains das meistverkaufte Mineralwasser der Welt aus dem Boden sprudeln lässt. In Genf kann man ähnlich Gehaltvolles sogar aus öffentlichen Skulpturen-Brunnen schlürfen, zumindest aus jenen, die mit der Aufschrift "eau potable" versehen sind - ein ungewöhnlicher Service.

Doch Genf ist auch eine ungewöhnliche Stadt. Ungewöhnlich freizügig mitunter mit ihren Ressourcen, weswegen die Unternehmensberatung Mercer sie im Rahmen ihrer Lebensqualitäts-Rankings auch dieses Jahr wieder zur zweitlebenswertesten Stadt der Erde kürte. Nach Zürich. Ungerecht eigentlich, denn im Gegensatz zu Zürich schenkt einem Genf zusätzlich zu Dekor-Trinkbrunnen den größten Sprudel der Welt, die Fontäne "Jet d'Eau", die das Wasser des Genfer Sees unerreichte 145 Meter hoch katapultiert, und die den Genfern als Wetteranzeiger dient - fegt der Wind die Gischt von der Altstadt weg, sind die Aussichten trübe.

Auch Parks bietet einem Genf, in denen man sich auch ohne Spesenkonto unter mächtige Zedern, Sequoien und Linden legen und von den Wurzeln der Romandie träumen kann. Und nicht zu vergessen: Genf schenkt einem sogar Uhren, die schönste mitten im Jardin Anglais. Mitnehmen kann man sie freilich nicht. Sondern höchstens eine Spitze des Zeigers abrupfen, den die "Horloge Fleurie" ist ja eine aus 6500 Blumen zusammengesetzte Blumenuhr, deren Design seit fünfzig Jahren alle sechs Monate neu zusammengesetzt wird. Damit nicht genug: Regnet es, kann man sich in der Passage Malpuisson, pünktlich zu jeder vollen Stunde ein musikalische Ouvertüre aus - was sonst? - sechzehn Uhren vorspielen lassen. Oder kann im Hotel Cournavin die größte Uhr der Welt bewundern - dreißig Meter misst das Ding. Und günstig kommt auch der Blick auf die 12-Millionen-Dollar-Uhr, die man an der Rue des Vieux-Grenadiers 7, im Uhrenmuseum des bekannten Labels "Patek Philippe" sehen kann.

Calvinistische Marotten

Dass Genf einen Tick hat, ist mithin nicht zu übersehen. Das ist man ja allein schon dem Ruf der Luxusuhren-Welthauptstadt schuldig. Und das scheint man vor allem auch dem Herrn Jean Calvin zuzuschreiben, der hier im 16. Jahrhundert predigte, was sich seither wie ein urbanes Psychogramm in die Gassen der Altstadt eingravierte. "Maximale Qualität" scheinen einem die Gässchen des gepflegten Viertels zuzuraunen, dazu muss man noch nicht mal vor der "Mauer der Reformatoren" stehen, jenem Fries im Parc des Bastions, der den strengen Calvin kantig auf erschreckte Genfer herunterblicken lässt.

Eine gewisse Ernsthaftigkeit strahlt die Stadt denn auch aus, selbst der französische Barockstil wirkt hier unüblich streng. Fast erleichtert mag man da vor verschnörkelten Details wie den spätrömischen Mosaiken stehen, die an der Südwestecke der Kathedrale vom Platz Cour de St. Pierre zu den Fundamenten eines frühchristlichen Bischofssitzes führen.

Der calvinistische Arbeitsethos, der die Stadt prägt, hat Genf nicht nur ausgeklügelte Uhrwerke, ein solides Bankwesen und internationale Institutionen gebracht, sondern auch optimierten Genuss. Diplomaten und Millionäre in einer Stadt, in der 157 Nationalitäten ihre Marotten pflegen, sind schließlich wählerisch. Dass die Weinkarte in Lokalen wie der "Art-déco-Brasserie Lipp" dicker ist als das Kursbuch der Schweizer Bahn und man im Zigarrenladen "Gérard Père et Fils" zwischen 600 Havanna-Sorten wählen kann, versteht man da auf Anhieb. Spätestens hier kommt man mit leeren Kreditkarten-Steckplätzen nicht mehr weiter.
Tipps: Das ehemalige Wasserkraftwerk "Bâtiment des Forces Motrices" am Place des Volontaires thront wie ein gestrandeter Ozeanriese mitten auf einer Insel in der Rhône. Allerdings wird dort kein Strom mehr erzeugt, dafür aber Kultur en masse: Konzerte, Ausstellungen und Lesungen.
Einst war das Städtchen Carouge südlich der Arve die Antwort auf das puritanische Genf. Heute gilt das eingemeindete Juwel im piemontesischen Baustil als cooles Ausgehparadies. Optimal für den kleinen Hunger zwischendurch ist das Bistro "Calm", wo es die leckersten Suppen der Stadt gibt. Nachts lockt hier der beliebte Dance Club "Au Chat Noir". (Der Standard, Printausgabe 3./4./5.6.2006)

Von Robert Haidinger

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