Berliner Abseitsfalle

10. Juli 2006, 15:08
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Den Schuss aufs Tor wird der Berliner zum großen Teil nicht im Stadion verfolgen, sondern in der Kneipe ums Eck bei einem Bier

Wer zur WM nach Berlin kommt, ist eigentlich selber schuld. Jetzt schon arbeitet hier niemand mehr, auch Politik wird nicht mehr gemacht, wir Deutsche sind euphorisiert wie seit, ja, wie seit sehr langer Zeit nicht mehr. Von morgens bis spätabends reden, denken und fühlen wir Fußball. Auch unsere Hauptstadt ähnelt in ihrem Aussehen nicht mehr einer Baustelle, sondern immer mehr einem riesigen, gewaltigen, überirdischen Super-Stadion.

Leider aber werden bei der Fußball-WM - Entschuldigung, Sepp! - leider aber werden bei der "FIFA Fußball-Weltmeisterschaft 2006[TM]" 99,9 Prozent der Berliner kein Ticket haben, um im richtigen Stadion sein zu können. Aber vielleicht sollten Sie deshalb kommen, um zu sehen, wie der Berliner, der alte rote Revolutionär, den Fußball zurückerobert, ihn den gierigen Klauen des Kapitals entreißt. Vergessen Sie die Fan-Meilen, die Supermega-Leinwände und Gigantomanie-Bühnen, gehen Sie dahin, wo Tränen vergangener Fußball-Schlachten das Thekenholz geformt haben. Gehen Sie dorthin, wo Sie das Sagen haben, dorthin, wo nur Sie der Held sind. Wie hat schon Erich Kästner geschrieben: "Die Toren besuchen in den fremden Ländern die Museen. Die Weisen aber gehen in die Tavernen." Der Kneipe wird bei der WM eine besondere Rolle zukommen. Sie wird, wie eine deutsche Zeitung scharf analysierte, zum "Ersatz-WM-Stadion". Berlin ist voller Ersatz-Stadien, aber in nur wenigen paaren sich das richtige Interieur mit dem fachwissenden Publikum und den Mattscheiben.

Wie etwa in der "Schwalbe", dem Tempelchen der Fußball-Erneuerer, die das Spiel für mehr halten als für ein Spiel, nämlich vor allem für eine Geschichte von Nick Hornby. Hier, auf abgerockten Sofas und schönen Design-Stühlen, sitzen Spex-Leser und diskutieren nicht über das Zusammengehen von Pop und Ball. Natürlich liegt die Kneipe am hippokraten Prenzlauer Berg, dem Bezirk der Schlaumeier und Schwangeren, wo es eine ganze Reihe dieser New-Wave-Fußball-Kneipen gibt. Wie etwa auch "Tante Käthe", eine Hommage an Rudi Völler am berühmten Mauerpark.

Den Ball rund denken

Bodenständiger, aber mit ähnlich jungen Fußball-Denkern im Publikum (zwischen 20 und 40), gibt sich das spartanisch eingerichtete "Schmitz" in Mitte, dem Stadtteil, der vor kurzem von der Stadtzeitschrift "Zitty" als meistgehasster Bezirk Berlins geadelt wurde. Hier auf Schützenfestbänken und kahlen Fliesen geht es um das Wesentliche, nämlich um Kartoffelsalat mit Würstchen und Bier. Die Preise sind einer Revolution entsprechend sehr gemäßigt und die beiden Leinwände ziemlich groß.

Die Berliner Zeitschrift 11 Freunde ist der Grund, warum 40-jährige Männer wieder verstärkt Panini-Sammelbildchen hinterherjagen und "Sportfreunde Stiller" hören und das ziemlich cool finden. Die neue deutsche Fußball-Coolness wird man im Lido, dem alten umgebauten Probentheater der Kreuzberger Schaubühne, sehen und selbstredend fühlen können. Hier hat 11 Freunde sein WM-Quartier bezogen. Inklusive dem, was beim Fußball neuerdings unverzichtbar ist: DJs und Live-Acts.

Keine klassische Kneipe ist das "Weltmeisterstudio", sondern eine Riege von neuen Kommentatoren, die aus ihrem Ärger über das öffentlich-rechtliche Gejammer ein erfolgreiches Alternativprogramm entwickelt haben. Für die WM zieht das Quartett in das altehrwürdige Café Moskau. Dort werden Waldefried Forkefeld, Felix Ney und Sven-Ole Knuth im Atrium des Hauses sämtliche 64 WM-Begegnungen live kommentieren. Dazu meldet sich Chef-Reporter Mirco Dziekanski vor und nach den Spielen mit Live-Berichten vom Ort des Geschehens.

Nicht weit entfernt davon, liegt der schöne Friedrichshain, die hippieske Insel der Stadt, auf der eine Kneipe wie "Paule's Metal Eck" doch recht exotisch wirkt. Der Name hält, was er verspricht. Harte Musik, harte Männer, Fußball pur. In einer Dekoration, die stilsicher zwischen Filmen wie "Die Mumie" und "Frankenstein" schwankt.

Halbzeit im Westen

Wer allerdings eher ein, sagen wir, Fußball-Romantiker ist und auch nicht unbedingt was gegen Halbwissen à la Kerner hat, der sollte in den Westen fahren. Am Bahnhof Zoo, zwischen Porno-Kino, Sex-Shop und Spielhölle liegt Berlins bodenständige Blaupause der alten Fußballkneipe. Gegründet wurde sie 1977 vom einstigen Hertha-BSC-Präsidenten Wolfgang Holst als "Holst am Zoo", 2002 wurde sie vom einstigen Hertha-Innenverteidiger Hans Weiner übernommen und heißt nun "Hanne am Zoo".

Hanne ist mehr als nur der Inhaber, er ist Seelsorger und Anekdotenerzähler. Und bei Grundsatzdiskussionen ist er der große Schlichter. "Nee, kein Abseits!" Tradition wird zwischen den Fußball-Lampen, Mannschaftsfotos und hunderten von Devotionalien groß geschrieben, was auch für das Menü gilt: Schnitzel, Steak und Eisbein. Hier schließt sich der Kreis. Denn bei Hanne ist der Fußball noch mehr Sein als Schein. Ziemlich uncool, aber ein guter Start in die WM. (Der Standard, Printausgabe 3./4./5.6.2006)

Von Ingo Petz

Ingo Petz lebt als Autor und Journalist in Berlin. Info:

BTM
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    Die "Berliner Weiße mit Schuss" wird während der Fußball-WM eine tragende Rolle spielen - nicht umsonst nennt man sie auch "Weiße mit Jefühl".

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