STANDARD-Interview: 4000-mal stärker als die Natur

3. Juni 2006, 16:30
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Von Nachhaltigkeit wird in Zukunft noch häufiger die Rede sein, sagt Alfred Strigl vom Institut für Nachhaltigkeitsforschung

STANDARD: Nachhaltigkeit ist ein sperriger, medial ungeeigneter Begriff. Sollte man nicht einen neuen Begriff erfinden?

Alfred Strigl: Nein. Wir können im Jahr 2006 nicht wieder die Diskussion von Anfang der 90er-Jahre führen und fragen: Was ist jetzt der bessere Begriff? Zukunftsfähigkeit, Überlebensfähigkeit, Nachhaltigkeit? Es hat über 200 Begriffsvorschläge gegeben. Wir würden noch einmal ein bis zwei Jahrzehnte verlieren. Bloß kein Zurück in den Elfenbeintum und Begriffsstreit. Es geht hier dramatisch um die Sicherung der Ressourcen im ökologischen, ökonomischen und im sozialen Bereich, um dauerhaft zukunftsfähig zu werden. Julian Schutting hat einmal gesagt, der Klarheit muss ein Altar gebaut werden. Diese Klarheit brauchen wir auch bei der Nachhaltigkeit.

STANDARD: Aber selbst unter Wissenschaftern versteht doch jeder etwas anderes unter Nachhaltigkeit.

Strigl: Das tun wir nicht. Es geht immer um Grenzen und die Gefahren bei deren Überschreitung. Wenn man mit einem Traktor über einen zugefrorenen See fährt und einbricht, dann war das Eis zu dünn und der Traktor zu schwer. Wenn wir soziale und finanzielle Sicherungssysteme - Stichwort Pensionen - nicht zukunftsfähig aufbauen, so ist das nicht nachhaltig. Wir haben kein Problem damit, wenn der Begriff so gebraucht wird.

STANDARD: Und wann sind solche Grenzen überschritten?

Strigl: Der Traktor ist eigentlich schon längst eingebrochen und schaut nur noch zu einem Drittel über dem Eis raus. Diese Grenzüberschreitung hat sich global schon in den 70er- und 80er-Jahren vollzogen. Riesige Flächen werden zu Wüsten, wir verlieren Wasser. Die Menschen haben das noch nicht begriffen. Wir haben eine 4000-mal stärkere Kraft, die Erdoberfläche, die ganze Atmosphäre zu verändern, als sämtliche Naturgewalten - Hochwässer und Vulkanausbrüche zusammen. Studien des Club of Rome, der Harvard University und vieler anderer zeigen, dass wir, wenn wir so weitermachen, in etwa 15 bis 20 Jahren dramatische Kollapse erleben werden, etwa bei der Ernährung der sieben bis acht Milliarden Menschen, die wir dann haben werden.

STANDARD: Wer ist schon gegen Nachhaltigkeit? Bei der Umsetzung im täglichen Leben hapert es aber gewaltig.

Strigl: Deswegen braucht es Schulen der Nachhaltigkeit. Wir müssen die Köpfe und Herzen der Menschen gewinnen. Leitbilder können dann auch Strukturen prägen und zu Handlungen führen. Dass wir noch nicht den Durchbruch erzielt haben, das sehe ich. Aber es gibt Kristallisationspunkte der Nachhaltigkeit, biologische Lebensmittel im Supermarkt, zum Beispiel. Wenn wir nicht selbst diese kleinen Schritte gehen, dann können wir das als Gesamtgesellschaft nicht schaffen.

STANDARD: Die USA scheinen nun große Schritte in diese Richtung gehen zu wollen.

Strigl: Für mich hat das, was derzeit in den USA passiert, etwas Hyterisches an sich. Lange Zeit von einem nicht gerade nachhaltigen Leitbild geprägt, will man plötzlich alles anders machen. George Bush senior hat bei der Unterzeichnung der Protokolle in Rio 1992 gesagt: Meine Unterschrift wird die amerikanische Lebensart nicht verändern. Heute sprechen George Clooney und Julia Roberts in Modezeitschriften seitenlang über Nachhaltigkeit und Energiesparen? Warum das plötzlich? Weil die US-Bevölkerung die steigenden Rohstoffpreise viel unmittelbarer als wir spürt. Die Pendler sind dort zum Beispiel auf einmal von doppelt so hohen Benzinkosten betroffen. Deswegen auch diese Breitenwirkung.

STANDARD: Wo steht Österreich bei der Implementierung von Nachhaltigkeit im internationalen Vergleich?

Strigl: Österreich hat durch seine Grünbewegung eine solide Basis, aber Schweden etwa ist da viel weiter. Dort gibt es ein Ministerium für Nachhaltigkeit, die haben beschlossen, ab 2020 ohne Öl auszukommen. In den Niederlanden gibt es ein "transition management", das alle Ministerien in ein übergreifendes Konzept einbindet, das den Übergang zur Nachhaltigkeit gewährleisten soll. Nachhaltigkeit muss sich vom klassischen Umweltschutz lösen. Es geht um politische und wirtschaftliche Konzepte und die Umsetzung in den einzelnen Regionen. Aber die Politelite in Österreich verschläft gerade, solche Signale zu setzen, und das, obwohl viele Politikentscheider aus dem Ausland ihr Know-how in Österreich einkaufen. Hier ist die Lobby der Globalisierungsgewinnler stark, wie etwa Großkonzerne, die mit dem Thema Nachhaltigkeit noch sehr unsicher umgehen. Wir müssen Globalisierung aber "nachhaltig" denken. (Oliver Hochadel/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. - 5. 6. 2006)

Oliver Hochadel ist freier Wissenschafts- journalist und -historiker, Redakteur des Wissenschafts- magazins Heureka und Ko-Leiter des Universitätslehrgangs für Wissenschafts- kommunikation "Scimedia".
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