Pioniere und Bremser

3. Juni 2006, 16:30
5 Postings

Stationen der US-Umweltforschung und ihrer Politisierung - eine Chronik

1958: Charles Douglas Keeling initiiert Messungen des Kohlendioxidgehalts in der Erdatmosphäre. Die nach ihm benannte, aufsteigende Zickzackkurve zeigt sowohl die stetige Zunahme des Gases als auch die jahreszeitliche Variation: Wenn auf der waldreicheren Nordhalbkugel Winter ist, liegt der CO2-Gehalt niedriger. Einer von Keelings Studenten ist Al Gore.

1962: Rachel Carsons Silent Spring (Stiller Frühling) schlägt Alarm über die Folgen des DDT-Einsatzes. Der Bestseller prägt viele, die sich später in den USA für die Umwelt engagieren, und führt zum Verbot des Pestizids in immer mehr Ländern. Allerdings auch mit der Folge, dass Insekten sich und die von ihnen übertragenen Infektionskrankheiten wieder ausbreiten.

1972: Dennis und Donella Meadows, William Behrens und der norwegische Doktorand Jørgen Randers entwickeln und berechnen in Limits to Growth (Grenzen des Wachstums) Szenarien für die Erschöpfung der Bodenschätze und die wirtschaftlichen Folgen. Als ein Jahr nach dem vom Club of Rome verbreiteten Report die erste Ölpreiskrise losbricht, werden in den USA zahlreiche Projekte zu erneuerbaren Energien aufgelegt. Bei Windkraft und Fotovoltaik bleiben die USA führend, bis in den Achtzigern der Ölpreis stagniert und die Forschungsgelder versiegen.

1974: Mario Molina und Sherwood Rowland zeigen im Laborversuch auf, wie Fluorkohlenwasserstoffe durch Fotolyse Ozonmoleküle aufbrechen. Elf Jahre später belegen Messungen die eingetretene Ausdünnung der Ozonschicht über der Antarktis. Von da an vergehen zwei Jahre bis zur fast weltweiten Ächtung der ozonschädigenden Chemikalien (Protokoll von Montreal).

1981: James Hansen und seine Mitarbeiter am Goddard Institute for Space Studies, der Klimaforschungsabteilung der NASA, sagen voraus, dass binnen weniger Jahre ein Anstieg der weltweiten Durchschnittstemperatur eintritt, der sich nur durch den steigenden CO2-Gehalt in der Atmosphäre erklären lässt. Sieben Jahre später erklärt Hansen vor dem US-Senat, dass der vom Menschen gemachte Klimawandel Realität ist. 1992 Al Gore legt als demokratischer Vizepräsidentschaftskandidat sein umweltpolitisches Manifest Earth in the Balance vor. Obwohl ihn der damalige US-Präsident als "Ozon-Mann, der die amerikanischen Arbeitsplätze vernichtet", verspottet, wird Gore zusammen mit Clinton gewählt.

1995: Die Öl- und Kohleindustrie sucht auf vielfältige Weise Zweifel am wissenschaftlichen Konsens über den vom Menschen verursachten Klimawandel zu säen: mit einer Vielzahl von Organisationen ("Global Climate Coalition", "Science and Environment Policy Project", "Americans for Balanced Energy Choices", "Cooler Heads Coalition"), Studien, Veranstaltungsreihen, Filmen (The Greening of Planet Earth), populären Sachbüchern (Global Warming and Other Eco-Myths) und einem Appell gegen den Kioto-Vertrag von 75 Professoren, die großteils nichts mit Klimaforschung zu tun haben.

2001: Philip Cooney, einer der Lobbyisten der Öl- und Kohleindustrie, die der neue US-Präsident George W. Bush an die Spitze führender Umweltstellen gesetzt hat, redigiert und beschönigt die von Wissenschaftern vorbereitete Veröffentlichungen zum Klimawandel. Aus dem Umweltbericht 2002 der US-Regierung wird das Kapitel zum Klimawandel komplett gestrichen.

2003: Studien der Stanford Universität und der University of California sagen für Kalifornien als Folgen des Klimawandels den Verlust von mindestens drei Viertel der Bergwälder, Wassermangel infolge der geringeren Schneedecke, heißere Sommer und eine Versiebenfachung der Hitzetoten in Los Angeles voraus.

2005: Berechnungen des M.I.T. und des National Center for Atmospheric Research belegen, dass der Klimawandel sowohl zur Häufung als auch zur Intensität von Extremwetterereignissen wie dem verheerenden Hurrikan "Katrina" beiträgt. Conrad Lautenbacher, der von Bush an die Spitze der National Oceanic and Atmospheric Administration gesetzte Mathematiker, mischt sich gegen die früheren Gewohnheiten des Amtes ein und widerspricht. (Stefan Löffler/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. - 5. 6. 2006)

Stefan Löffler ist Redakteur des Wissenschafts- magazins Heureka. Sein zweites journalistisches Standbein ist Schach, wozu er gerade einen Blog angelegt hat.
Share if you care.