Grünes Amerika

3. Juni 2006, 16:30
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Ökologie und schwindende natürliche Ressourcen kein Problem der anderen mehr: Jetzt wird der Grün-Gedanke in den USA, getrieben von Al Gore, zum Mainstream

Sie fahren die dicksten Autos, heizen und kühlen rund um die Uhr und schimpfen Ökologen Arbeitsplatzvernichter. Doch langsam sprießt auch in den Staaten eine grüne Gesinnung.

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Wie so vieles andere ist auch der Umgang mit der Natur nichts Naturgegebenes. Wie wir der Natur gegenübertreten, wird, um es einmal im Soziologendeutsch der 1960er-und 1970er-Jahre zu formulieren, durch eine komplexe Kombination aus gesellschaftlichen Wertvorstellungen und historischen Erfahrungen vermittelt. Gibt es einen spezifisch "amerikanischen", einen spezifisch "europäischen" Umgang mit der Natur?

Es gibt jedenfalls den Typus des Europäers, der mit kopfschüttelndem Unbehagen seinen Missmut über das artikuliert, was ihm als eklatante ökologische Sorglosigkeit und himmelschreiende Ressourcenverschwendung erscheint: Festbeleuchtung rund um die Uhr, Klimaanlagen, die im Parallelbetrieb mit der Heizung operieren, kalifornische Villen, aus deren Garagen ein paar mächtige SUVs (Sports Utility Vehicles) ihre Hinterteile hinausstrecken und der Welt vor Augen führen, dass es die Bewohner nicht nötig haben, mit Benzin zu geizen.

In der Tat, die Amerikaner begegnen der Natur weniger zimperlich - oder weniger "nachhaltig" - als die Bewohner des alten Europa, wo die Natur in den Zeiten der Aufklärung auch als Gegenpol zu den überzüchteten Sitten der Aristokratie idealisiert wurde. Dagegen ist "der (amerikanische) Mensch dem Stoff übergeordnet und von ihm geschieden", schreibt der britische Ethnologe Geoffrey Gorer in seiner 1947 erschienenen völkerpsychologischen Studie Die Amerikaner, "er zwingt dem nichtmenschlichen All seinen Willen auf. Diese Einstellung wird ganz deutlich im Verhältnis des Amerikaners zum Boden als solchem. Der Boden ist nichts, was geliebt, gehegt und gepflegt werden muss, sondern ein Objekt der Ausbeutung. Mit bezeichnender Häufigkeit werden auf den Landbau Ausdrücke des Bergbaus angewandt (. . .), kurz: Von der vegetabilischen Welt wird dauernd gesprochen und es wird mit ihr umgegangen, als wenn sie die mineralogische wäre."

Prägend für die Herausbildung dieses Naturverständnisses war die Grenzerfahrung, die Notwendigkeit, die Siedlungsgebiete einer feindseligen Umwelt abzutrotzen. Dazu kommt, dass sich die Natur in der US-Geschichte nicht selten von ihren katastrophalsten Seiten gezeigt hat. Lange vor der Überschwemmung in New Orleans gab es den Hurrikan, der Galveston dem Erdboden gleichmachte (im Jahr 1900), oder das Erdbeben, welches 1906 das Gleiche mit San Francisco tat. Der Soziologe Mike Davis hat in einem viel beachteten Buch (Ecology of Fear) beschrieben, wie sehr die im kollektiven Unbewussten lauernden Katastrophenängste noch heute die Politik in Kalifornien beeinflussen.

---> Ökologische Sündenbilanz

Keine Frage, dass sich auch in der Umweltpolitik der Regierung Bush ökologische Sorglosigkeit und hemdsärmelige Bemächtigungsimpulse zuhauf finden. Mehr als alles andere hat die amerikanische Nichtratifikation des Kioto-Protokolls den Rest der Welt empört - wobei die freilich in Wahrheit auf die Ära Clinton zurückgeht. Aber es gibt auch die Bush-eigene Sündenbilanz, die Verfehlungschronik eines Ölmannes, dem der rauchende Schlot und der ratternde Derrick naturgemäß (!) mehr ans Herz gehen als die liebliche Lerche und das blaue Blümelein.

Unter Gouverneur Bush war Texas verlässlich das rote Umwelt-Schlusslicht unter den US-Bundesstaaten, und die fetten Smogglocken über Houston und Dallas waren ein Dauertopos in den demokratischen TV-Spots des Präsidentschaftswahlkampfes 2000. Sie veranlassten den Kandidaten Bush sogar dazu, sein schwarzes Umwelt-Image mit einigen grünen Versprechen aufzuhellen (so stellte er - versprochen, gebrochen - ein Gesetz in Aussicht, das die Kohlendioxid-Emission der US-Kraftwerke beschränken sollte). In einer anderen Wahlwerbung der Demokraten wurden Bush-Cheney neben einem Dollarzeichen speienden Bohrturm als "Dream-Team der Ölindustrie" geschmäht. Seit 2000 haben Bush, Cheney & Konsorten wenig getan, um ihre Öko-Glaubwürdigkeit zu erhöhen. Vor einiger Zeit machte sogar die alarmistische Meldung die Runde, Bush und Cheney legten es als endzeitlich gestimmte Christen absichtlich darauf an, die ökologische Apokalypse herbeizuführen. Sollten sie solche Pläne hegen (die freilich nach abgeschmackter Verschwörungstheorie klingen), dann werden sie mit zunehmendem Widerstand zu rechnen haben. So haben im Mai zehn US-Bundesstaaten angekündigt, dass sie Washington gerichtlich zu schärferen Umweltauflagen für große Autos zwingen wollen. Arnold Schwarzenegger, so hört man, will gegen den Widerstand seiner Partei ein verbindliches System zur Treibhausgas-Reduzierung einführen, und Al Gores Erderwärmungs-Doku "Eine unbequeme Wahrheit" feiert derzeit Erfolge an den Kinokassen.

Beispiele wie diese zeigen, dass man Generalisierungen wie denen von einem "amerikanischen Umgang mit der Natur", wie allen Generalisierungen, mit Misstrauen begegnen sollte. Vielleicht ist es auch nur so, dass die "grünen" Amerikaner noch nicht den Königsweg entdeckt haben, mit dem sie ihren Ideen zum Durchbruch verhelfen können: Das ist die These, die Alex Nicolai Steffen in der jüngsten Ausgabe von Wired verficht. Seine Prognose: "Mit dem herannahenden Klimawandel nimmt eine neue grüne Bewegung Gestalt an, eine, die die Sorgen der Umweltbewegten ernst nimmt, aber ihre ausgeleierten Antworten ablehnt. Die Technologie kann dabei eine Quelle für unendlich viele kreative Lösungen sein. (. . .) Unternehmerischer Ehrgeiz und Marktkräfte, die von einer Politik der Nachhaltigkeit geleitet werden, können die Welt in eine strahlende grüne Zukunft führen." Klingt sehr amerikanisch, sehr optimistisch, ansteckend optimistisch. Die Amerikaner als Umweltavantgarde der Welt? Wer weiß, aber das Zeug hätten sie dazu. Bleibt nur zu hoffen, dass der ökologische Gesinnungswandel in der wichtigsten Industriegesellschaft der Welt noch vor dem Klimawandel stattfindet. (Christoph Winder/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. - 5. 6. 2006)

Christoph Winder studierte Deutsch, Französisch und Rechtswissenschaften in Wien und Innsbruck. Er ist seit 1989 beim STANDARD, seit 1994 im außenpolitischen Ressort des Hauses.
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