Rumsfeld besucht Vietnam

6. Juni 2006, 14:19
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Gute militärische Kooperation der ehemaligen Kriegsgegner - Washington will Hanoi für "Kampf gegen den Terror" gewinnen

Hanoi/Berlin - US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld wird am 4. Juni erstmals den einstigen Kriegsgegner Vietnam besuchen. Er wird sowohl mit Premier Pham Van Khai als auch mit seinem Amtskollegen Pham Van Tra politische Gespräche führen. Der Besuch ist ein Gegenbesuch zur ersten Visite eines vietnamesischen Verteidigungsministers in den USA seit dem Kriegsende 1975, der Ende 2003 stattfand. Seitdem gibt es zwischen beiden Staaten eine militärische Kooperation, die erstaunt. Offiziere der vietnamesischen Volksarmee nahmen an Ausbildungskursen in den USA teil. Die USA wollen Vietnam gern bei internationalen Einsätzen im "Kampf gegen den Terrorismus" einbinden, ein Vorschlag, für den sich die Vietnamesen erwärmen können.

Die Normalisierung der Beziehungen zwischen den einstigen Kriegsgegnern begann Mitte der 90er-Jahre in der Clinton-Ära. 1994 hoben die USA ihr Embargo gegen das Land auf, dessen Wirtschaft sich vom Krieg erholt hatte und zu boomen begann. Ein Jahr später nahmen beide Staaten diplomatische Beziehungen auf. Antiamerikanismus gibt es heute in Vietnam kaum noch. Fast zwei Drittel der 83 Millionen Einwohner waren 1975 noch nicht geboren und kennen den Krieg nur aus den Erzählungen der Alten. Englisch ist die am meisten gelehrte Fremdsprache.

Offen ist allerdings die Frage der Entschädigung der zwischen zwei und vier Millionen Opfer des Giftgases Agent Orange, mit dem die USA die Regenwälder hatte entlauben wollen. Noch heute werden Kinder mit Missbildungen geboren. Eine Opfervereinigung scheiterte 2005 vor einem New Yorker Bundesgericht, weil dieses den Zusammenhang zwischen den Missbildungen der Opfer und den Giften für nicht erwiesen hielt.

Eine weitere offene Frage ist die Zukunft des ehemaligen US-Militärstützpunktes Cam Ranh in Zentralvietnam. Seit die Russen, die ihn 1979 übernommen hatten, 2002 abzogen, ist das Areal verwaist. Jüngere Politiker wünschen sich einen US-Stützpunkt, um wilden Ölbohrungen durch die Chinesen die Präsenz einer Weltmacht entgegenzustellen. Doch in der Bevölkerung wäre die Verpachtung an einen anderen Staat, egal an welchen, äußerst unpopulär. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.6.2006)

von Marina Mai
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