3./4.6.2006: Ein Kärntner Schriftsteller

9. Juni 2006, 19:42
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"Welch ein Absturz!" in Folge von Handkes fataler Serbiennostalgie, meint Schriftsteller Egyd Gstättner

Im Fall eines Künstlers ist die Nennung oder Nichtnennung seiner Herkunft, seines Wohnsitzes, seiner Profession vor seinem Namen nicht bloß Zusatzinformation, sondern auch Indiz seines Bekanntheitsgrades, seiner Wertschätzung oder Geringschätzung. Ganz und gar unbedeutend ist man, wie ich aus meiner eigenen Karriereerfahrung weiß, als "junger Klagenfurter Autor". Er erschafft kein Werk, sondern "literarische Ergüsse". Am besten gleich vom Hausarzt behandeln lassen!

Nicht mehr ganz so schlimm, aber doch noch schlecht genug geht es einem "Kärntner Schriftsteller", wozu auch der "über die Grenzen seines Landes hinaus bekannte Kärntner Schriftsteller" zählt. Deutlich bedeutender ist da bereits der "österreichische Schriftsteller", vor allem wenn er in Portugal oder Spanien, Polen oder Russland so genannt wird. Noch viel besser ist freilich ganz einfach "Schriftsteller" und am allerbesten gar nichts, also die bloße Namensnennung, die alles Weitere erübrigt, weil schon beinhaltet. Franz Grillparzer. Johann Nestroy. Thomas Bernhard. Da muss man nichts erklären. Nomen est omen, der Name bürgt für Qualität. Niemals habe ich vom "Lübecker Autor Thomas Mann" oder dem "weit über die Grenzen seiner Stadt hinaus bekannten Frankfurter Schriftsteller Goethe" gelesen.

Umgekehrt gibt es Fälle von Schriftstellern, die jahrzehntelang medial zu Weltliteraten hochkritisiert, hochrezensiert und hochstilisiert worden sind, sich dann aber in der weiten Welt doch sehr verirrt haben und nun durch Aberkennung der "Welt" und Re- Topographisierung wieder zurechtgestutzt werden müssen. Wer – wie unlängst geschehen – ohne Notwendigkeit in vorderster Reihe an der Beerdigung eines kriegerischen Diktators teilnimmt, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, durch seine persönliche Anwesenheit Menschenrechtsverletzungen und Völkermord wenn nicht zu rechtfertigen, so auf alle Fälle zu verharmlosen. Finger weg von Führern! Es war jedenfalls eine redaktionelle Strafaktion, als unlängst in einer heimischen Boulevardzeitung zu lesen war, die Begräbnisrede für Slobodan Milosevic habe "der Kärntner Schriftsteller Peter Handke" gehalten. Welch ein Absturz! Wenn Handke mit seiner fatalen Serbiennostalgie so weiter macht, endet er – horribile dictu – noch als "Griffener Literat". (DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.6.2006)

Zur Person

Egyd Gstättner
ist Schriftsteller und lebt in Klagenfurt.
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