Drogensucht will zunächst gelernt sein

2. Juni 2006, 18:47
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Botenstoff im Hirn kommt Schlüsselrolle zu

Innsbruck - Der "Lernbotenstoff" Azetylcholin spielt bei der Entstehung von Sucht im menschlichen Gehirn möglicherweise eine entscheidende Rolle. Das ist die zentrale Aussage eines einjährigen Forschungsprojekts an der Abteilung für Neurochemie der Innsbrucker Uniklinik für Psychiatrie unter der Leitung von Gerald Zernig-Grubinger, das Freitag präsentiert wurde.

Bisher sei man in der neurochemischen Suchtforschung davon ausgegangen, dass das als "Glücksneurotransmitter" bekannte Dopamin entscheidend für die Suchtmechanismen sei, erklärte Zernig-Grubinger, wobei das Dopamin im so genannten Nucleus accumbens (einer Kernstruktur im basalen Vorderhirn) freigesetzt wird. Dieses "Dogma der Suchtforschung" bleibe zwar aufrecht, müsse aber nach den Erkenntnissen der fünfköpfigen Innsbrucker Forschergruppe erweitert werden.

Die Versuchsanordnung war so gewählt, dass "drogennaiven Ratten" am Ende eines ein Meter langen Ganges eine Opiatinjektion verabreicht wurde. Beim ersten Mal hätten die Ratten, nur von Neugierde angetrieben, zwei bis drei Minuten für den Weg gebraucht. Beim fünften Mal sprinteten die meisten Tiere schon in wenigen Sekunden ins Ziel.

Zufällig sei man bei der Messung der bei den Versuchstieren freigesetzten Neurotransmitter darauf gestoßen, dass in dieser "Sucht-Lernphase" nicht das Dopamin, sondern ein anderer Botenstoff, das Azetylcholin die entscheidende Rolle spiele. Seine Ausschüttung im Nucleus accumbens hätte sich bis zum Vierfachen erhöht, sagte Zernig-Grubinger.

Die Ergebnisse finden beachtliche internationale Resonanz und wurden im Fachmagazin Journal of Neuroscience veröffentlicht, Einladungen zur Präsentation auf Kongressen seien bereits erfolgt.

Impfung gegen Sucht

Zernig-Grubinger sieht eine mögliche Bedeutung der Erkenntnisse bei der Entwicklung von Medikamenten, welche die Azetylcholin-Ausschüttung dämpfen. Er sieht eine Möglichkeit, auf diesem Weg "das Suchtgedächtnis zu beeinflussen", die allerdings immer nur ein Hilfsmittel zum "Königsweg Psychotherapie" darstellen werde. Auf Nachfrage sagte Zernig-Grubinger allerdings auch: "Die aufregendste, aber in weitester Ferne liegende Vision wäre es, eine Impfung gegen Sucht zu entwickeln und damit Kinder davor zu schützen, dass sie Suchtmittel attraktiv finden."

Vorerst muss noch geklärt werden, wie spezifisch die Azetylcholin-Ausschüttung ist. Nachgewiesen ist sie bei Opiaten und Kokain. Eine Studie, bei der Ratten gezuckerte Kondensmilch erhalten, ist noch nicht abgeschlossen. (Hannes Schlosser/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. - 5. 6. 2006)

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