Giftanschlag in sieben Versionen

30. Juni 2006, 15:50
2 Postings

Dioxinvergiftung: Staatsanwaltschaft geht von Mordversuch an Viktor Juschtschenko aus

Eine neue Expertise belegt, dass auf den heutigen ukrainischen Präsidenten und damaligen Oppositionsführer Viktor Juschtschenko ein Giftanschlag verübt wurde. Umstände und Hintergründe bleiben weiter im Dunkeln.

* * *

Angeblich war es die Dioxinvergiftung, die den für seine Zögerlichkeit bekannten Politiker Viktor Juschtschenko 2004 entschlossener gemacht und zur Überzeugung gebracht hat, dass die Staatsmacht kriminell war. So sehen es zumindest intime Kenner der politischen Verhältnisse in der Ukraine.

Anfang September 2004 - knapp vor den schicksalhaften Präsidentschaftswahlen - waren nach einem Abendessen mit dem Chef und dem Vizechef des ukrainischen Geheimdienstes (SBU), Ihor Smeschko und Wolodymyr Saziuk, erste Vergiftungserscheinungen bei Juschtschenko aufgetreten. Es folgte die Behandlung im Wiener Spital Rudolfinerhaus. Juschtschenkos Gesicht blieb entstellt. Und von seiner Entschlossenheit ist wenig übrig geblieben: Denn nicht nur die Regierung im Lande kommt nicht vom Fleck. Bei der Aufklärung der zwei bedeutendsten Kriminalfälle des Landes - neben der Vergiftung Juschtschenkos der Mord an dem Journalisten Georgi Gongadse, der Expräsident Leonid Kutschma schwer belastet - scheint sich entgegen allen Ankündigungen wenig zu tun.

Dioxinvergiftung

Am Freitag hat die ukrainische Staatsanwaltschaft immerhin eine neue gerichtsmedizinische Expertise präsentiert. Die Untersuchung wurde von ukrainischen Ärzten unter Mitarbeit amerikanischer, deutscher und japanischer Experten durchgeführt. Laut Staatsanwaltschaft könne man nun annehmen, dass "V. Juschtschenko vorsätzlich vergiftet worden ist". Die Experten hätten neuerlich Dioxinspuren im Organismus nachgewiesen.

Diese Hauptschlussfolgerung deckt sich mit früheren Gutachten, die in den Niederlanden, Deutschland, Großbritannien und Belgien erstellt worden sind. Abermals jedoch gab es keine Auskunft über andere Details, etwa wo und auf welche Weise Juschtschenko vergiftet worden war. Die Staatsanwaltschaft geht freilich eindeutig von einem Mordversuch aus.

Obwohl die Vergiftungsversion von Anfang an kursierte, sprachen die behandelnden Ärzte des Rudolfinerhauses erst im Dezember 2004 erstmals davon, dass in Juschtschenkos Blut und Gewebe das Tausendfache einer normalen Dioxinkonzentration gefunden worden war. Lothar Wicke, ärztlicher Direktor im Rudolfinerspital, hatte schon zuvor seine Kollegen verfälschter Diagnosen beschuldigt und von Drohungen gegen seine Person seitens der Leute Juschtschenkos berichtet. Danach quittierte er seinen Posten. Im Februar 2005 nahm der ukrainische Oberstaatsanwalt Svjatoslav Piskun in Wien Einsicht in die dortigen Dokumente.

In der Ukraine hieß es seitens des "orangen Lagers" lange, der russische Geheimdienst stehe hinter dem Mordversuch. Der SBU selbst brachte die Theorie von einer misslungenen "Zellenverjüngungskur in Kombination mit Alkohol" in Umlauf. In Russland kursiert die Variante, die Orangen selbst hätten den Anschlag ersonnen. Juschtschenko selbst erklärte ein halbes Jahr später, der SBU habe in der Ukraine ein Labor entdeckt, wo das Gift hergestellt worden sei. Saziuk wurde zur Fahndung ausgeschrieben, ist aber noch immer in Freiheit und trat sogar im Fernsehen auf. Die Staatsanwaltschaft verfolgt sieben Versionen zum Hintergrund der Vergiftung. (DER STANDARD, Printausgabe 3./4./5. 6. 2006)

Von Eduard Steiner aus Moskau
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Auch das Opfer schweigt: der ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko, vom Mordanschlag vor eindreiviertel Jahren gezeichnet.

Share if you care.