"Im Grunde ist alles Inszenierung"

25. Juni 2006, 15:43
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Hubsi Kramar, Uwe Scheuch, Josef Kalina und Werbefachmann Essenther debattierten die Inszenierung der Politik und ihre Grenzen

Welche Bilder benutzt die Politik, um ihre Inhalte zu transportieren, wieviel Inszenierung verträgt die Politik und der Konsument: Um diese Fragen stritten bei einer Standard- Debatte Uwe Scheuch (BZÖ), Josef Kalina (SPÖ), der Schauspieler Hubsi Kramar und der Werbefachmann Albert Essenther.

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Wien – Das Thema wurde im Handumdrehen zur praxisorientierten Beweisführung: Der Frage "Wieviel Inszenierung verträgt die Politik" konnten oder wollten die Fachleute am Podium nicht nachgehen, ohne ihr Ringen um eine Antwort selbst publikumswirksam zu inszenieren.

Und das Publikum hatte unter Moderation von STANDARD-Innenpolitikchef Michael Völker seine Freude an der temperamentvollen Aufführung, bei der die Rollenverteilung rasch klar war: Da waren einerseits die beiden politischen Kommunikatoren Josef Kalina (SPÖ) und Uwe Scheuch (BZÖ), die einen kurzen Einblick in ihr Handwerk gaben, um gleich darauf der Theorie die anschauliche Umsetzung folgen zu lassen und sich wahlkampfmäßig in die Haare zu geraten.

Als Freigeist schwebte Schauspieler Hubert Kramar quasi über der Szene, immer bereit, lautstark Ethos und Moral einzufordern, wenn er die Politik in die Funktionsmechanismen neoliberaler Marktstrategien gezwängt sah, die, dem Faschismus entlehnt, nur wieder im Faschismus münden könnten. Mittendrin mühte sich Werbefachmann Albert Essenther redlich, die Debatte auf eine theoretische Basis zurückzuführen: Mit seinem leicht apodiktischen Statement, dass alles, mithin auch die Politik, in erster Linie Inszenierung sei, hatte er bei Kramar aber von Beginn an verloren. Jede Partei, so Essenther sinngemäß, sei auch eine Marke, die für eine verknappte Botschaft stehe. In der täglichen Reizüberflutung, die sich über den Konsumenten ergieße, müssten markante Signale gesetzt werden, die in der Wahrnehmung haften bleiben: "Hergezeigte Taten sind wirkungsvoller als Inhalte." Eine davon, aus der jüngsten Praxis noch gut erinnerlich, warf Moderator Völker zum Vergnügen vor allem Kalinas und Scheuchs in die Runde _– die "Sparbucheröffnung" der Regierungsspitze und Jörg Haiders in der Bawag-Zentrale am Höhepunkt der Bankenaffäre.

Kalina sah darin den Prototyp einer überzogenen und sich letztlich gegen den Regisseur selbst wendenden Inszenierung: "Da hat sich Bundeskanzler Wolfgang Schüssel als Feuerwehrmann ins Bild gesetzt, der mit dem Benzinkanister in der Hand an der Brandstätte erscheint." Scheuch hielt dagegen, dass man an dieser Geschichte gar nicht vorbeigehen konnte: "Das war natürlich wie ein Elfmeter ohne Tormann." Kramar verwehrte sich erbittert gegen diese Art der Inszenierung, die, wie schon Adolf Hitler gesagt und praktiziert hätte, ausschließlich "die Aufnahmefähigkeit der Beschränktesten" als Maßeinheit ihres Erfolges ansetze.

Von der zwischenzeitlich erzielten Einigkeit, dass audiovisuelle Medien wie das Fernsehen einfachere Bilder benötigen und produzieren als Printmedien, gelangte man rasch zur einer gerade für ersteres Medium maßgeschneiderten Inszenierung, bei der BZÖ-Sprecher Scheuch mit einem unerwarteten Eingeständnis überraschte: Beim Versetzen einer zweisprachigen Ortstafel in Kärnten hätte auch Landeshauptmann Haider Öl in des Feuer der Emotionen gegossen.

Angefacht, so Scheuchs Beteuerung, sei dieses allerdings von den Slowenen selbst worden, deren Vertreter Rudi Vouk mit seiner Geschwindigkeitsübertretung im Ortsbereich die Mühlen des Verfassungsgerichtshofes erst in Gang gesetzt hätte. Bis dahin sei in dieser Frage 30 Jahre lang Ruhe in Kärnten gewesen.

Das war nun der aufgelegte Elfmeter, auf den Kalina nur gewartet hatte. Gerade die Ortstafelgeschichte sei ein Beispiel dafür, wie Haider mit einem "Defibrilator am herztoten Leichnam" des BZÖ werke und versuche, "seinen Hirntod zu verhindern", schwelgte Kalina genüsslich in drastischen Bildern. Kalinas Schlussfolgerung daraus: "Wenn keine politische Substanz mehr da ist, endet auch jede Inszenierung." Dass der SP-Kommunkationschef den Anlass beim Schopf nahm, kräftig Wahlkampf für seine Partei zu machen, brachte Scheuch wieder zurück ins Spiel: Die SPÖ werde bald erleben, wie das BZÖ gerade in Kärnten bei den Wählerstimmen wieder "hinaufschreiben" werde. Und im übrigen hätten sich 18 sozialdemokratische Bürgermeister in den betroffenen Kärntner Gemeinden gegen zweisprachige Ortstafeln ausgesprochen. (DER STANDARD, Printausgabe 3./4./5. 6. 2006)

Von Samo Kobenter
  • Und wo bleiben die Inhalte, bitte: Kramar zählt Kalina, Völker, Essenther und Scheuch (v.re.) die velorenen Posten auf der Rechnung der Aufklärung auf.
    foto: corn

    Und wo bleiben die Inhalte, bitte: Kramar zählt Kalina, Völker, Essenther und Scheuch (v.re.) die velorenen Posten auf der Rechnung der Aufklärung auf.

  • Albert Essenther: "Die Inszenierung wurde ja nicht von der Politik erfunden. Jeder Mensch inszeniert sich selber, das muss jeder in seinem Portfolio führen dürfen."
    foto: corn

    Albert Essenther: "Die Inszenierung wurde ja nicht von der Politik erfunden. Jeder Mensch inszeniert sich selber, das muss jeder in seinem Portfolio führen dürfen."

  • Hubsi Kramar: "Diese Inszenierung ist keine Hetz’, sondern eine endemische Katastrophe."
    foto: corn

    Hubsi Kramar: "Diese Inszenierung ist keine Hetz’, sondern eine endemische Katastrophe."

  • Josef Kalina: "Haider hat die Inszenierung völlig überdreht. Das ist wie bei einem Motor, der solange auf Höchsttouren läuft, bis es ihn zerreisst."
    foto: corn

    Josef Kalina: "Haider hat die Inszenierung völlig überdreht. Das ist wie bei einem Motor, der solange auf Höchsttouren läuft, bis es ihn zerreisst."

  • Uwe Scheuch: "Sie haben die SPÖ in die Opposition geführt und Sie sind auch der Garant dafür, dass Ihre Partei weiter dort bleiben wird."
    foto: corn

    Uwe Scheuch: "Sie haben die SPÖ in die Opposition geführt und Sie sind auch der Garant dafür, dass Ihre Partei weiter dort bleiben wird."

  • Pure Über-Inszenierung, meinen die einen, ein verwandelter Elfmeter die anderen: Andreas Khol, Wolfgang Schüssel, Hubert Gorbach und Karl-Heinz Grasser sparen bei der Bawag an.
    foto: cremer

    Pure Über-Inszenierung, meinen die einen, ein verwandelter Elfmeter die anderen: Andreas Khol, Wolfgang Schüssel, Hubert Gorbach und Karl-Heinz Grasser sparen bei der Bawag an.

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