Paul Rogers im STANDARD-Interview: Weiterhin hohes Risiko für Militärkonflikt

8. Juni 2006, 11:16
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Britischer Politologe: Unwahrscheinlich, dass Iraner Uranreicherung aufgeben

Der Iran ist nach Ansicht des britischen Politikwissenschafters Paul Rogers zwar an Gesprächen mit den USA interessiert. Sollte die jüngste Initiative aber scheitern, könnte es zum Konflikt kommen, sagte er zu Julia Raabe.

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STANDARD: Die USA sind bereit, sich direkt an Verhandlungen zu beteiligen; ein Anreizpaket für Teheran steht. Ist das der Durchbruch zu einer möglichen Lösung des Atomstreits?

Rogers: Das Problem ist, dass es offenbar zwei Bedingungen gibt, die die USA stellen: Dass der Iran die Anreicherung aussetzen muss, bevor Verhandlungen beginnen. Und dass die USA von China und Russland erwarten, Sanktionen im UNO-Sicherheitsrat zu unterstützen, sollten die Verhandlungen scheitern. Gleichzeitig ist es so etwas wie ein Durchbruch. Es ist möglich, dass die Iraner für eine Zeit die Urananreicherung aussetzen, damit Gespräche beginnen können.

STANDARD: Warum sollten sie das tun?

Rogers: Sie wollen mit den Amerikanern ins Gespräch kommen. Sie betrachten sich als eine bedeutende Macht, sie sehen es als ihr Recht an, mit den USA direkt zu verhandeln. Sie wollen eine sichere Region; gegenwärtig müssen sie umfangreiche Streitkräfte unterhalten. Sie betrachten das amerikanische Engagement in der Region mit Sorge. Sie würden gerne, dass sich das entspannt und sie sich auf die ökonomische Entwicklung konzentrieren können.

STANDARD: Russland und China könnten sich möglicherweise an den Verhandlungen beteiligen. Würde das zusätzlich helfen?

Rogers: Ja. Bei Russland, wegen der engen Mitwirkung im Nuklearbereich. Aber vor allem China hat sehr enge Beziehungen zum Iran, und sie werden monatlich enger. Nicht nur mit Blick auf langfristige Öl- und Gasexportgeschäfte.

STANDARD: Das würde also zu einer Entspannung im Streit beitragen.

Rogers: Es könnte zu einer Beruhigung der Spannungen führen. Aber viele in Washington befürchten, dass - falls sich die Iraner auf die Verhandlungen einlassen - das nur dazu dient, jegliche militärische Aktionen von Seite der Amerikaner so lange wie möglich zu verzögern. Die Iraner drehen das um und sagen: "Die Amerikaner wollen uns zu einem bestimmten Zeitpunkt angreifen. Bis dahin geben sie vor, andere Mittel auszuprobieren, um die internationale Unterstützung zu halten."

STANDARD: Falls es zu Verhandlungen kommt: Wie sind die Erfolgsaussichten?

Rogers: Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die Iraner ihr Recht auf Urananreicherung aufgeben. Schwierig im Moment ist: Präsident (Mahmud) Ahmadi-Nejad ist mit den Stimmen der Armen an die Macht gekommen. Er hat bis jetzt noch kein Wirtschaftswachstum erreicht, es ist also nützlich für ihn, eine Krise mit den Vereinigten Staaten zu haben, für seine eigene Innenpolitik.

STANDARD: Was passiert, falls der Iran das nun beschlossene Angebot ablehnt - kommen dann UN-Sanktionen?

Rogers: Es gibt das Risiko, dass sich eine Krise entwickelt. Ich bin mir überhaupt nicht sicher, dass die Russen und vor allem die Chinesen irgendwelchen Sanktionen oder einer Resolution nach Kapitel VII (der UN-Charta) zustimmen werden. Es gibt das Potenzial, dass, wenn die Verhandlungen scheitern, es eine Krise gibt in den amerikanisch-iranischen Beziehungen, die in einem Konflikt enden könnte.

STANDARD: Sie meinen einen militärischen Konflikt.

Rogers: Ja.

STANDARD: Wie wahrscheinlich ist ein solches Szenario?

Rogers: Ich glaube immer noch, dass eine 50-zu-50-Chance besteht innerhalb der nächsten zwei Jahre. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.6.2006)

Zur Person
Paul Rogers, 63, ist Professor für Friedensforschung an der Universität Bradford in Großbritannien und Experte für globale Sicherheit in der Oxford Research Group.
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