"Spur der Steine"

2. Juni 2006, 17:00
posten

Es herrschen raue Sitten auf der Großbaustelle Schkona – Frank Beyer hat sie in Cinemascope-Totalen fotografiert wie einen Western

Hoch die Bierflaschen wie Trompeten und gegen die Laufrichtung marschiert! So begegnet die Balla-Brigade in ihrer exotischen Zimmermannskluft der offiziellen Sonntagskundgebung. Dann geht‘s in die Kneipe und zum Dorfweiher, in dem die muskelbepackten Kerle nackt ein Bad nehmen. Der herbeigerufene Vopo landet ebenfalls im Ententeich. So saftig, komisch und respektlos konnten sozialistische Helden sein. "Spur der Steine", 1965/66, ist ein Film von der frontier, der Grenze, über ein wildes Land, aus dem ein Staat entsteht.

Es herrschen raue Sitten auf der Großbaustelle Schkona – Frank Beyer hat sie in Cinemascope-Totalen fotografiert wie einen Western. Hier haben Männer wie Hannes Balla das Sagen; Manfred Krug spielt ihn als unwiderstehlichen Rüpel mit Cowboy-Charme. Dass Beyers Film auch heute noch so kraftvoll vor uns steht, liegt vor allem an diesem Kerl, der säuft, sich prügelt und arbeitet wie ein Tier. Dafür gibt's gute Prämien; Baumaterial erbeuten er und seine Bande notfalls durch Wegelagerei.

Ein Staat, auch das ist‑ ein Westernmythos, wird durchgeboxt von solchen Männern – und erträumt von Idealisten wie Werner Horrath (Eberhard Esche), dem neuen Parteisekretär. Der glaubt, "der Mensch wird durch Vertrauen gut". Zusammen mit der Ingenieurin Kati Klee (gespielt von der Polin Krystyna Stypulkowska und synchronisiert mit der wunderbar herben, sexy Stimme von Jutta Hoffmann), in die beide Männer sich verlieben, bringt er die Baustelle und auch Balla auf Vordermann.

Obwohl die Staatsmacht gleich am Anfang versenkt wird, stellt "Spur der Steine" den Sozialismus nicht grundsätzlich infrage. Er fordert jedoch ein menschlicheres System, in dem der Plan nicht heilig ist, Fähigkeiten vor Parteiabzeichen gehen und die Schnüffelei des Staates auch Grenzen kennt. Einen anderen Sozialismus eben als den offiziell gemeinten – "Spur der Steine" wird in Rückblenden während eines Parteiverfahrens gegen Horrath erzählt und analysiert bei aller Komik scharfsichtig und schonungslos, was auf Schkona nicht funktioniert und warum seine Helden scheitern. Ein Staat entsteht. Nach nur drei Tagen in den Kinos und organisierter Randale wurde "Spur der Steine" aus dem Verkehr gezogen und verschwand für 23 Jahre in den Archiven. Beyer wurde aus dem Defa-Studio verbannt, ans Staatstheater Dresden.

Erst 1989 war sein Meisterwerk, der wohl berühmteste unter den "Regalfilmen", wieder zu sehen. Man muss sich vorstellen, was aus dem Kino der DDR und diesem Land hätte werden können, wenn Filme wie dieser nicht verboten, die Macher nicht behindert oder mit Berufsverbot belegt worden wären. Eine andere Baustelle wäre das gewesen – vielleicht der Staat, von dem Horrath träumte. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3./4.6.2006)

Von Martina Knoben
  • Artikelbild
    bild: sz cinemathek
Share if you care.