Peter Hacks: "Liebkind im Vogelnest"

2. Juni 2006, 17:15
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Die Kinderbücher und Kunstmärchen von Peter Hacks sind voller Finten und Falltüren, Sprachspiele und Verkleidungen, Scherzfragen und Rätsel

Das Wiesel hat eine feine Witterung. Kaum hat sich herumgesprochen, dass der Marmorsockel inmitten der Buchsbaumumrandungen leer, der Gartengott tatsächlich verschwunden ist, wittert es in dieser Leere seine Chance. Es sei deutlich, so erläutert es in wohlgesetzten Worten, dass der Garten eines neuen Oberhauptes bedürfe, und ebenso deutlich, dass es selbst dieses überhaupt sei. Sein Fell, von dem man wissen müsse, dass es im Winter schneeweiß erglänze, lasse keinen Zweifel an seiner Berufung, es ersuche also jedermann, in den Ruf "Lang lebe König Hermelin!" auszubrechen: ",Die Hermeline tragen den Pelz der Könige!'", rief das Wiesel. "Sie sagen besser:

Die Könige tragen den Pelz der Hermeline", bemerkte Leberecht. "Der Satz klingt ähnlich, aber er ist doch nicht derselbe Satz." Aber weil ihm Staatsangelegenheiten im Grunde gleichgültig waren, ließ er es mit diesem ausgezeichneten Einwand bewenden."

Finten und Falltüren, Sprachspiele und Scherzfragen

Die Kinderbücher und Kunstmärchen des Schriftstellers Peter Hacks (1928– 2003) sind voller Finten und Falltüren, Sprachspiele und Verkleidungen, Scherzfragen und Rätsel. Aber die Verwirrungen, die sie stiften, stammen aus der Feder eines hartnäckigen Klassizisten, dem alles Anarchische ein Gräuel, dessen Ideal die lebenswerte Ordnung war. In "Liebkind im Vogelnest" ist der gepflegte Garten mit seinen drei Regionen – der französischen mit ihren Statuen, der englischen mit seiner weiten Rasenfläche und dem Gemüsegarten mit seinen gewinkelten Beeten – dafür das Bild. Leberecht und Liebkind leben in diesem Garten, verliebt wie nur je ein junges Paar aus der Märchenwelt, gemeinsam mit dem ebenso trägen wie treuen Hund Kasper. Durch das Verschwinden des Gartengottes ist die Ordnung bedroht. Peter Hacks hat dieses turbulente Märchen wie eine komplizierte Spieluhr gebaut und, nicht nur bei der entscheidenden Schlacht mit einer bösen Fee, die unheimlichen Zwischentöne nicht ausgespart. Am Ende kehrt der Gartengott zurück – er war nur zum Schein verschwunden, das aber im Ernst.

Manches Detail aus der DDR-Welt, in der sie entstanden sind, ist in den Märchen von Peter Hacks wie in ein Stück Bernstein eingeschlossen: die Witwe des Igels unterhält eine Gedenkstätte für ihren Mann, den verdienten Helden der Arbeit. Mancher prahlt gern mit Orden, und streng wacht der Frosch im Vogelbad darüber, dass es nur von Zugangsberechtigten benutzt wird. Im Zentrum aber herrscht, auch über den Gartengott, als launig- gute Fee die kunstvolle Sprache. Ihr Zauberstab verleiht dieser Welt ihre Dauer. Darum haben die Märchen von Peter Hacks die DDR überlebt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3./4.6.2006)

Von Lothar Müller
  • bild: sz-junge bibliothek

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