Hintergrund: "Ewige Verbundenheit" währte nur kurz

14. Juni 2006, 15:30
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Serbien und Montenegro gehen getrennte Wege

Belgrad - In den frühen neunziger Jahren wurden in Belgrad und Podogorica kaum mit Worten gespart, wenn es darum ging, die "ewige Verbundenheit" Serbiens und Montenegros zu betonen. Sie gehörten damals zusammen wie "zwei Augen im Kopf". Nun wird der gemeinsame Staat aufgelöst. Serbien und Montenegro, die 88 Jahre lang in einem Staat lebten, gehen unterschiedliche Wege.

Referendum

In der Tat funktionieren sie größtenteils bereits seit Jahren als zwei selbstständige Staaten. Entsprechend der Verfassung des Staatenbundes wird nach dem Unabhängigkeitsreferendum in Montenegro, bei welchem sich seine Bürger am 21. Mai mit 55,5-prozentiger Stimmenmehrheit für die Eigenstaatlichkeit aussprachen, allerdings nur Serbien die Nachfolge des gemeinsamen Staates antreten. Montenegro wird dagegen die Aufnahme in internationale Organisationen und Finanzinstitutionen neu beantragen müssen.

Selbstständigkeit

In dem erst vor drei Jahren verkündeten Staatenbund hatten die zwei Teilstaaten ihre Selbstständigkeit in den Bereichen Wirtschaft und Handel weiter gefördert. Sie bewahrten ihre aus den späten neunziger Jahren stammende unterschiedliche Zollpolitik und auch unterschiedliche Währungen, Serbien den Dinar, Montenegro den Euro. Das kleine Land hatte die einstige jugoslawische Währung bereits unter dem Regime von Slobodan Milosevic gegen die damalige Deutsche Mark gewechselt, um die destabilisierenden Wirtschaftspressionen Belgrads auf Podgorica auszuweichen.

EU

Beide Staaten sind bemüht, sich möglichst rasch der Europäischen Union anzunähern. Montenegro geht davon aus, dass ihm dies etwas schneller als Serbien gelingen wird. Podgorica hatte im Unterschied zu Belgrad nie Probleme beio der Zusammenarbeit mit dem UNO-Kriegsverbrechertribunal gehabt. Sollte der einstige bosnische Serbenführer, Radovan Karadzic, ein gebürtiger Montenegriner, auch auf seinem Gebiet auftauchen, so würden die Behörden nicht zögern, ihn festzunehmen, beteuert man in Podgorica. Serbien ist dagegen mit der schweren Last einer langjährigen Nicht-Zusammenarbeit mit dem UNO-Tribunal konfrontiert. Seine europäische Zukunft hängt ganz von der Festnahme von sechs noch flüchtigen Haager Angeklagten ab.Prominentester Name aauf der Liste ist der frühere Militärchef der bosnischen Serben, Ratko Mladic.

Fremdenverkehr als Chance

Während Serbien auch nach der Auflösung des Staatenbundes nicht genau wissen wird, wo seine Staatsgrenzen liegen, da mit dem Kosovo, der UNO-verwalteten serbischen Provinz, die Gespräche über dessen künftigen Status noch laufen, ist Montenegro bereits ganz seiner europäischen Zukunft zugewandt. Seine großen Chancen sieht das kleine Land im Fremdenverkehr. Heuer werden rund 900.000 Touristen erwartet, die meisten werden allerdings erneut aus Serbien anreisen.

Ähnlich

Ansonsten sind sich das wesentlich größere Serbien und das kleine Montenegro ziemlich ähnlich. In beiden Staaten gehört die Bevölkerungsmehrheit noch immer derselben serbisch-orthodoxen Kirche an, selbst wenn in Montenegro auch eine von der Orthodoxie nicht anerkannte montenegrinische Kirche tätig ist. Der Minderheitenanteil liegt in beiden Ländern bei ungefähr einem Drittel. Die Mehrheitsbevölkerung in den zwei Staaten, die Serben und die Montenegriner, dürften nicht mehr so stark wie in den neunziger Jahren davon überzeugt sein, dass sie demselben slawischen Volk mit zwei Namen gehören.

Selbe Sprache

Die Sprache ist dieselbe, auch wenn sie im kleinen Land offiziell nicht mehr als Serbisch, sondern als Montenegrinisch, oder ganz einfach als "Muttersprache" bezeichnet wird. Der Lebensstandard ist ungefähr derselbe. Die Arbeitslosigkeit ist mit 30 Prozent in Serbien allerdings etwa doppelt so hoch wie in Montenegro. Während das große Land heuer erneut gegen eine doppelstellige Inflation (erwartet werden 15 Prozent) ringt, weist Podgorica darauf hin, dass sie in Montenegro nur zwei Prozent beträgt.

Tradition

Belgrad, einst Hauptstadt des mehr als 20 Millionen Einwohner umfassenden Ex-Jugoslawien, wird mit seinen 1,2 Millionen Einwohnern am morgigen Samstag zur Hauptstadt eines noch kleineren Staates werden, Podgorica ist mit rund zehnmal kleineren Bevölkerungszahl nur eine der zwei montenegrinischen Hauptstädte. In Serbien leben ohne Berücksichtigung der von der UNO verwalteten Provinz Kosovo rund 7,5 Millionen Einwohner, in Montenegro rund 620.000. Im kleinen Land wird auf die Tradition gesetzt. Die alte, inzwischen stark verarmte Hauptstadt Cetinje blickt bereits einer neuen Blütezeit entgegen. (APA)

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