"Könnten uns lächerlich gemacht haben"

19. Juni 2006, 16:22
57 Postings

Zweifel an Notwendigkeit von Anti-Terror-Großeinsatz - Bei Razzia verletzter Mann zu schwach für Verhör

London - Der Anti-Terror-Großeinsatz der Londoner Polizei vom Freitag ist nach Presseberichten möglicherweise durch eine überschätzte Gefahrensituation ausgelöst worden. Mehrere britische Zeitungen berichteten am Montag von Zweifeln in Sicherheitskreisen an einer tatsächlichen Bedrohung, die den Einsatz von 250 Polizisten ausgelöst hatte. Die Polizei konnte auch am Montag noch keine konkreten Erfolge bei der Suche nach einer "schmutzigen Bombe" oder Material zu deren Herstellung melden.

Die chemische Bombe, die der Geheimdienst in der durchsuchten Wohnung im Osten der britischen Hauptstadt vermutet hatte, "könnte woanders sein oder niemals existiert haben", zitierte der "Guardian" aus Ermittlerkreisen. Ein Scotland-Yard-Mitarbeiter sagte dem Blatt, "bisher" hätten sich die Geheimdienstinformationen "nicht bestätigt".

"Könnten uns lächerlich gemacht haben"

"Wenn die Geheimdienstinformationen falsch waren, könnten wir uns lächerlich gemacht haben", zitierte der "Daily Telegraph" einen nicht näher genannten Scotland-Yard-Beamten. Die "Daily Mail" zweifelte an, dass es tatsächlich eine Bedrohung gegeben habe. Schließlich sei das Stadtviertel Forest Gate, in dem die Razzia stattfand, nicht evakuiert worden, außerdem sei der für terroristische Bedrohungen zuständige Krisenstab "Cobra" der britischen Regierung nicht zusammengekommen. Die Zeitung stellte auch die Frage, warum die aus Bangladesch stammende Familie der beiden festgenommenen Brüder kurz nach dem Vorfall in den Urlaub fahren konnte.

Laut der Boulevardzeitung "The Sun" brachte die Razzia vom Freitag in der Früh dennoch Ermittlungsergebnisse. "Selbst wenn die Bombe nicht aufzufinden ist, so wurden doch einige Dinge gefunden, die auf eine mögliche Verbindung zum Terrorismus hindeuten." Der Informant des Geheimdienstes gelte als sehr zuverlässig; es sei sicher, dass er die Bombe mit eigenen Augen gesehen habe, zitierte die "Sun" einen Mitarbeiter des Inlandsgeheimdienstes MI5. "Wir sind weiter überzeugt davon, dass die Information zu hundert Prozent richtig war", sagte dieser.

Der ältere der beiden festgenommenen Brüder aus Bangladesch, der bei der Razzia verletzte Mohammed Abdul Kaher, war am Sonntagabend weiter zu schwach für ein Polizeiverhör. Kaher hatte bei dem Polizeieinsatz eine Schussverletzung erlitten. Seiner Anwältin Kate Roxburgh zufolge wurden dem 23-Jährigen starke Beruhigungsmittel gegeben; er fühle sich müde und schlecht. Ihr Mandant wolle aber schnell vernommen werden, um den Fall abzuschließen. Er habe angegeben, "absolut unschuldig" zu sein. In dem Reihenhaus der Brüder im Einwanderer-Stadtteil Forest Gate "gibt es einfach nichts Gefährliches zu finden", sagte die Anwältin.

Der drei Jahre jüngere Bruder Abu Koyair wurde bereits von Scotland-Yard-Beamten verhört. Auch Julian Young, der Anwalt des 20-jährigen Koyair betonte, beide Brüder seien unschuldig. "Sie sind gläubige Muslime, aber sie sagen, dass sie Gewalt und Terrorismus aus Überzeugung ablehnen." Ein Richter erlaubte der Polizei, die beiden Terrorverdächtigen zunächst bis Mittwoch festzuhalten. (APA/dpa)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Großeinsatz in London: Polizisten nehmen Terrorverdächtigen fest.

Share if you care.