Neue Massaker-Vorwürfe: "An Einsatzregeln gehalten"

8. Juni 2006, 13:50
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Untersuchung entlastet US-Soldaten - Elf Zivilisten sollen getötet worden sein - Irak kritisiert Entlastung von US-Soldaten

Washington/Bagdad - Im Fall eines neuen mutmaßlichen Massakers von US-Soldaten im Irak hat eine Untersuchung des Militärs die Soldaten entlastet. Beim Einsatz im irakischen Dorf Ishaki, wo amerikanische Soldaten mehrere Zivilpersonen töteten, hätte es kein Fehlverhalten der Verantwortlichen gegeben. "Der Kommandant der Bodentruppen hat sich an die Einsatzregeln gehalten", sagte Generalmajor William Caldwell am Freitag (Ortszeit) in Washington.

Der britische Fernsehsender BBC hatte in der Nacht auf Freitag Videoaufnahmen ausgestrahlt, die nach irakischen Polizeiangaben auf ein Massaker in Ishaki hindeuten. Darauf sind elf Tote mit Schusswunden zu sehen, unter ihnen Frauen und Kinder. Dem irakischen Polizeibericht zufolge haben US-Soldaten die Menschen zusammengetrieben und willkürlich elf von ihnen erschossen.

Irak kritisiert Entlastung von US-Soldaten

Die irakische Regierung hat einen Bericht des US-Militärs kritisiert, in dem US-Soldaten vom Vorwurf der vorsätzlichen Tötung mehrerer Zivilisten in der Stadt Ishaki entlastet werden. "Wir haben mehr als eine Quelle, aus der hervorgeht, dass die Tötungen in Ishaki unter fragwürdigen Umständen geschahen", sagte Adnan al-Kasimi, ein Berater von Ministerpräsident Nuri al-Maliki am Samstag. "Es wurde mehr als ein Kind getötet. Der Bericht ist gegenüber dem irakischen Volk und den getöteten Kindern nicht fair."

Der Berater des Premiers kündigte an, die irakische Regierung werde ihre eigenen Ermittlungen zu dem Vorfall in Ishaki vorantreiben und eine Entschuldigung der USA sowie Entschädigungen für die Opfer fordern. Dies gelte auch für das mutmaßliche Massaker in der Stadt Haditha.

Offizielle Version: Iraker starben beim Einsturz

Nach amerikanischen Angaben starben bei dem Vorfall am 15. März vier Menschen durch den Einsturz eines Privathauses - ein Mann, zwei Frauen und ein Kind. Die Soldaten hätten geglaubt, in dem Gebäude halte sich ein Al-Kaida-Terrorist auf. Sie hätten Luftunterstützung angefordert. Daraufhin sei ein Kampfflugzeug vom Typ AC-130 eingesetzt worden. Die für strafrechtliche Ermittlungen zuständige Abteilung des Heeres habe das Ergebnis der Untersuchung überprüft und keinen Anlass gesehen, weitere Ermittlungen anzustrengen, sagte Caldwell.

Riyadh Majid, ein Verwandter der Opfer, erklärte, US-Soldaten seien mit einem Hubschrauber gelandet und hätten das Haus gestürmt. Ein weiterer Angehöriger, Ahmed Khalaf, sagte, es seien neun Mitglieder der Familie und zwei Besucher getötet worden. Laut US-Darstellung waren die Truppen während einer nächtlichen Razzia aus dem Gebäude beschossen worden. Ein mutmaßliches Al-Kaida-Mitglied sei aus dem Haus geflüchtet und später gefasst worden.

Haditha: Bush will Aufklärung

Zuvor waren Vorwürfe gegen US-Soldaten über ein Massaker an irakischen Zivilisten in Haditha laut geworden. Dort sollen Marine-Infanteristen im November 24 Zivilisten erschossen und dies später vertuscht haben. Präsident George W. Bush zeigte sich besorgt über die Berichte und kündigte eine lückenlose Aufklärung an. Nach dem Folterskandal im Gefängnis Abu Ghraib haben derartige Vorfälle dem Ansehen der USA im Irak weiteren Schaden zugefügt.

Keine Gefängnisstrafe in Abu-Ghraib-Prozess

Eine Militärjury in Fort Meade im US-Bundesstaat Maryland hat indes entschieden, dass ein im Zusammenhang mit Folterungen im irakischen Gefängnis Abu Ghraib für schuldig befundener US-Unteroffizier nicht ins Gefängnis muss. Stattdessen soll der 32-jährige Soldat Santos Cardona 90 Tage lang harte Arbeit verrichten. Außerdem werden ihm 7.200 Dollar (5.575 Euro) von seinem Sold abgezogen. Als Höchststrafe hatten dem Soldaten dreieinhalb Jahre Haft gedroht. Das Gericht hatte Cardona zuvor für schuldig befunden, einen irakischen Inhaftierten mit seinem Hund angegriffen zu haben.

Mehrere Tote bei Anschlägen

Die Gewalt im Irak machte auch am Freitag keine Pause. Bei mehreren Bombenexplosionen in Bagdad starben acht Menschen. Der Anführer des Terrornetzwerks Al-Kaida im Irak, Abu Mussab al-Zarqawi, forderte in einer Audiobotschaft im Internet die Sunniten zum Kampf gegen "ungläubige" Schiiten auf. Den höchsten schiitischen Würdenträger des Irak Ayatollah Ali Sistani bezeichnete er als "Imam der Ketzerei", dessen Rechtsgutachten den "Besetzern des Iraks nutzen". Der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki zeigte sich überzeugt, dass die Botschaft des Terrorführers bei den Irakern kein Gehör finden werde. Der US-Geheimdienst CIA schätzt die Audiobotschaft als authentisch ein. (APA/AP/Reuters)

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    Begräbnis der Opfer der US-Militäroperation am 15. März in Ishaki.

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    Irakische Polizisten durchsuchen die Trümmer des von einem AC-130-Kampfflugzeug zerstörten Hauses in Ishaki

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