Chancen für Deutsche Börse im Euronext-Poker schwinden

2. Juni 2006, 09:26
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Die französisch dominierte Mehrländerbörse und die New York Stock Exchange stehen offenbar kurz vor dem entscheidenden Schritt zu einer Fusion

New York – Die Chancen für die Deutsche Börse auf den Zuschlag im Kampf um die Euronext schwinden. Die französisch dominierte Mehrländerbörse und die New York Stock Exchange (NYSE) stehen offenbar kurz vor dem entscheidenden Schritt hin zu einer Fusion.

Nyse-Chef John Thain sagte am Donnerstag nach der Hauptversammlung in New York, er rechne innerhalb von Tagen mit einer definitiven Vereinbarung. Einen Abschluss des Geschäfts erwarte er innerhalb der nächsten sechs Monate. Auf die Frage von Reportern nach einem Termin für eine konkrete Vereinbarung mit Euronext-Chef Jean-Francois Theodore sagte Thain: "Hoffentlich bald – wenn ich vergangene Woche gesagt habe 'in Tagen', dann sage ich das immer noch."

Zustimmung notwendig

Einer Fusion müssten die Aktionäre der beiden Unternehmen und die Aufsichtsbehörden zustimmen. Dies könne noch höchstens ein halbes Jahr dauern.

Am bisherigen Angebot an die Euronext-Aktionäre, das die französisch dominierte Mehrländerbörse mit rund acht Mrd. Euro bewertet, solle zunächst nichts geändert werden, betonte Thain. Er sagte Reportern nach der Hauptversammlung, das Angebot der NYSE bleibe unverändert. Neben Aktien und Geld bietet die größte Börse der Welt der Euronext auch weitgehende Selbstständigkeit im Europa-Geschäft des neuen Konzerns an.

Bei der Deutschen Börse, die sich ebenfalls um die Euronext bemüht, war zunächst niemand für eine Stellungnahme zu erreichen. Der Frankfurter Marktbetreiber bewertet die Euronext derzeit mit rund 8,6 Mrd. Euro. Börsen-Chef Reto Francioni hat der deutlich kleineren Euronext im Verlauf des seit Monaten dauernden Gezerres um eine Fusion zahlreiche Zugeständnisse gemacht und wäre sogar bereit den Chefsessel der neuen Firma vorübergehend Jean-Francois Theodore zu überlassen.

Die Aktien der Börsenbetreiber notierten am Donnerstagabend im Plus. NYSE-Papiere legten an der Wall Street zwei Prozent zu, die Anteilsscheine der Euronext verteuerten sich in Paris um 2,4 Prozent. Die Aktien der Deutschen Börse zogen um fünf Prozent an. Händler sagten, es gebe Spekulationen am Markt, wonach einige Euronext-Aktionäre eine Fusion mit der NYSE doch noch in letzter Minute verhindern wollen. Andere Börsianer sahen in dem kräftigen Kursplus vor allem eine technische Reaktion auf die Verluste der vergangenen Tage. "Außerdem muss es ja für die Deutsche Börse nicht schlecht sein, wenn sie bei der Euronext nicht zum Zug kommt", sagte ein Frankfurter Händler.

Analysten äußerten sich ähnlich. Ein Branchenexperte, der nicht genannt werden wollte, sagte: "Ich sehe kaum noch eine Chance, dass Frankfurt den Zuschlag für die Euronext bekommen wird." Ein anderer Analyst erklärte, die Deutsche Börse werde – ein Scheitern ihrer Fusionspläne – vorausgesetzt, auf andere Optionen zurückgreifen müssen. Es gebe noch weitere denkbare Konstellationen in Europa oder mit anderen großen US-Börsen wie etwa der Chicago Mercantile Exchange (CME). Der Druck zu einer Konsolidierung der zersplitterten Börsenlandschaft und zu transatlantischen Kooperationen ist seit dem Einstieg der Nasdaq bei der Londoner Börse LSE Anfang April deutlich gestiegen. (APA/Reuters)

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