Voll auf Zug

2. November 2006, 20:55
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Nach der zweiten Brezen wird Guido Gluschitsch samt Eisen auf den ÖBB-Autoreisezug verfrachtet und kommt ausnahmsweise am Ziel an

Er hätte eine Art Trainingslager werden sollen, der Aufenthalt in Sizilien. Mein Geistesbruder und Gedankenzwilling Rudolf – ja genau, der Depp – hätte als mein Fahrinstruktor herhalten sollen.

Doch kurz bevor ich mich bei Rudolf und der Truppe von Motorradakrobaten, mit denen ich die nächsten Tage verbringen sollte, einfand, warf ich meine Kawasaki zu einem Büschel Kapern, das am Straßenrand seelenruhig vor sich hin wuchs. Keine fünf Minuten trennten mich noch von der 3-Sterne-Box mit Meeresblick– aber nein, ich musste mich noch schnell einbauen.

Letzte Rettung Bahn

In diesem Urlaub hat mir Rudolf nicht viel beibringen können. Mit den Straßen Siziliens stand ich auf Kriegsfuß und am Strand war ich sowieso der Bessere. In der Disziplin Sonneliegen war ich unschlagbar. Nur beim "laut Schlafen" musste ich mich dem Joe geschlagen geben. Aber gegen den hatte nicht einmal der offene Termignoni der Ducati S4R ein Leiberl.

Nicht das Gerücht um meine Tätigkeit als Strandverschandler verbreitete sich in Windeseile in Wien, nein. Jenes um meine Künste als Brezenschlumpf war es. Und dann kam, was kommen musste. Meine Schutzengel taten sich zusammen und sorgten dafür, dass ich nicht mehr Motorrad fahre. Die ÖBB nahmen sich meiner an. "Damit du lebend zurückkommst und die Kawa nicht noch schlimmer aussieht als du, denken wir, es wäre das Vernünftigste, du fährst mit dem Autoreisezug von Rom nach Wien" säuselte Gudrun "Gux" Czapka, eine ÖBB-Personenverkehr-Spezialistin ins Telefon.

Wie ich dann von Katharina Gürtler, der Pressesprecherin ÖBB-Personenverkehr, erfahre, gibt es seit 1962 Autoreisezüge bei den ÖBB. Seit 1989 werden auch Motorräder transportiert. 88 Autoreisezug-Wagen sind derzeit in Betrieb – sieben Prozent der damit transportierten Fahrzeuge sind Motorräder.

Na gut, denk ich mir, da kann ja nix schief gehen. Von Rom nach Wien in 15,5 Stunden, über Nacht. Dabei komme ich ausgeruht in Wien an. Perfekt, da bin ich dabei. So finde ich mich auch, wie vereinbart, am Samstag um 15:00 Uhr zur Verladung am Bahnhof Roma Termini ein. Natürlich habe ich mich vorher in Palermo und Rom von unzähligen Motorinos – so heißen die 50 Kubik-Roller in Italien – herbrennen lassen.

An der Verladestation packte ich sofort meinen Fotoapparat aus. "Fotografieren verboten" herrschten mich die Verlademeister und –knechte auf Italienisch an. Ins deutsche übersetzt heißt das für mich dann so viel wie: "Kannst eh fotografieren, aber lass dich nicht erwischen!"

So handhabte ich es dann auch. Sonst stünde ich jetzt ohne Fotos da und niemand könnte die schönen Fesselspiele sehen, die meinem Motorrad so gefallen haben.

Jedenfalls: An diesem Samstag wurden in Rom ein Motorrad (meine Kawa) und zwei Eisenhaufen (Harleys) verladen. Abgesehen davon, dass die Chromdinger schwerer und hässlicher waren als mein Sturzgerät, gab es bei der Verladung keine Unterschiede. Mit zwei Verladekeilen und vier Spanngurten wurden die zweirädrigen Frachten festgemacht. Bei der Gelegenheit konnte ich mein Vokabular auch gleich ein wenig aufbessern. Die ganze Verlademannschaft hat geschimpft wie die Rohrspatzen. Ich glaube, die sind es nicht gewohnt, um 15:00 Uhr schon zu arbeiten. Noch dazu bei der Hitze.

Der anstrengendste Teil der Reise stand aber noch bevor Ich durfte mich auf dem Weg nach Wien auf keinen Fall einbauen. Wenn ich jetzt am Gang stürze oder auf der Toilette in einer Schikane das Gleichgewicht verliere, dann hab ich erst ein Gerede beinander. Also ging ich von der Verladerampe in Richtung der Bahnsteige, suchte den Zug, und in diesem mein Liegewagen-Abteil. Planabfahrt in Rom: 17:00 Uhr. Da ging sich noch ein Caffè aus und ein Abschieds-Dolce.

>>>Frau Fessa an Bord

Die Römer hatten es dann aber eh nicht so eilig. Um 17:00 Uhr stand der Zug immer noch genau so in der Station wie zuvor. Und um 18:00 Uhr dito. Mit etwas mehr als einer Stunde Verspätung verließen wir Rom. Ich verteilte mich gleichmäßig in meinem Liegewagen-Abteil, das ich für mich allein hatte. Nun, zumindest bis Bologna. Dort stiegen nämlich sechs Mädchen, zwei Buben und eine Frau Fessa ein. Frau Fessa war noch keine 40, groß, schlank, eloquent und gut aussehend.

Kurzum, die Frau Fessa sollte bald als fixer Bestandteil meines Abteils gelten. Denn es gab ein Problem. Jedes Mal, wenn uns ein italienischer Zugbegleiter dabei erwischte, wenn wir am Wagenende eine Zigarette rauchten, dann schimpfte dieser fürchterlich und drohte uns mit einer einwöchigen Fast Food-Kur, wenn er uns noch einmal erwischen sollte.

Also organisierte ich für die Frau Hübsch, äh, Fessa und mich etwas zu Trinken und wir plauderten in meinem Abteil weiter. Kurz nach Mitternacht klopfte es dann an der Schiebetür: "Frau Fessa, geht es Ihnen gut?" fragte eine der Schülerinnen. Die Frau Fessa bejahte und tat kund, dass es ihr an nichts mangelte. "Wie machen uns aber trotzdem Sorgen um Sie." Die waren jedoch völlig unbegründet. Ich kümmerte mich doch mindestens so rührend um sie wie sich die Eisenbahner um mein Motorrad – mit dem Unterschied, dass ich die Frau Fessa nicht anbinden musste.

Die ÖBB können aber schon Lustkiller sein. Jetzt dachte ich, wenn wir schon eine Stunde später in Rom weg kommen, dann habe ich noch ein paar Stunden der Gnade, bevor ich daheim Frau und Kindern in die Augen sehen muss. Aber nichts da. Die ÖBB waren mir die Frau Fessa so sehr neidig, dass wir sogar eine Minute früher in Wien ankamen als geplant.

So wirklich ausgeruht, wie mir Gux das versprach, kam ich nicht in Wien an. Ich hab nur sehr wenig geschlafen. Das war aber schon in Ordnung so. Das Abladen ging flott und einfach. Die Gurte wurden geöffnet und der hintere Verladekeil entfernt. Ich wendete die Kawa und fuhr vom Wagen.

Die ÖBB bieten derzeit acht innerösterreichische und zehn internationale (nach Italien, Deutschland, Slowenien und Kroatien) Verbindungen mit dem Autoreisezug an. Preis- und Zugauskünfte erhält man am Besten telefonisch, zum Ortstarif, unter 05/ 1717. Reservierungen für den Autoreisezug sind bereits sechs Monate vorab möglich.

In der Regel beträgt der Preis für den Motorradtransport in etwa die Hälfte von dem eines Autos. Die auf den Autoreisezügen transportierten Fahrzeuge sind versichert. Windschutzscheiben, wie etwa bei den Harleys in Rom, müssen abmontiert werden. (Text & Fotos: Guido Gluschitsch, derStandard.at, 1.6.2006)

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ÖBB

  • Fährt wie auf Schienen: Die Kawa (am Autoreisezug).
    foto: gluschitsch

    Fährt wie auf Schienen: Die Kawa (am Autoreisezug).

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