Kein leichter Tanz für EU-Soldaten in Kinshasa

9. Oktober 2006, 16:11
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Im Kongo wird vom EU-Militäreinsatz bei den ersten demokratischen Wahlen seit vierzig Jahren viel erwartet - Von Judith Reker

Samstagnacht in Kinshasa, ein paar Hundert Meter entfernt vom Hauptquartier der UN-Mission. Silberne Discokugeln glitzern über der Tanzfläche des Nachtclubs "Chez Ntemba". Zu bassunterlegten Rumbaklängen wippen Kongolesen im Gleichtakt. "Chez Ntemba" gehört zu den bekanntesten Nachtclubs der Hauptstadt, der Eintritt von fünf Dollar ist für die Mehrheit unerschwinglich. Trotzdem blickt man hier in kein einziges nicht-kongolesisches Gesicht. Ein paar Straßen weiter, im "Planète J", tanzen etwas jüngere Leute zu etwas jüngerer Musik, gerade ist es der MTV-Rapper Sean Paul. Auch hier: keine Ausländer. Die beiden Tanzlokale stehen nämlich auf einer Liste von verbotenen Zonen für alle Mitglieder der UN-Mission. 2005 waren zahlreiche UN-Soldaten des sexuellen Missbrauchs überführt worden.

Wahrscheinlich werden auch für die Soldaten der EU-Mission entsprechende Tabuzonen gelten. Ein europäischer Militärberater in Kinshasa hält den moralisch einwandfreien Auftritt der Europäer für besonders wichtig. "Das Verhalten der EU muss einfach tadellos sein, das ist absolut entscheidend, wenn wir das Vertrauen der Bevölkerung erlangen wollen."

Wenn am 30. Juli die ersten freien Mehrparteien-Wahlen in der Demokratischen Republik Kongo seit 40 Jahren beginnen, werden hier einige hundert EU-Soldaten in Kinshasa stationiert. EU-Militärs haben sich bei ihrem ersten Kongo-Einsatz 2003 einen sehr guten Ruf erworben. Der Operation "Artemis" gelang es während ihres dreimonatigen Blitzeinsatzes in der ostkongolesischen Stadt Bunia, mordende Milizen zu vertreiben.

Mayonnaise angerührt

Andererseits glauben in Kinshasa viele, dass die europäischen Soldaten nur kommen, um die Wiederwahl des jetzigen Präsidenten Joseph Kabila sicherzustellen - notfalls mit Gewalt. Auch dass der in Kinshasa höchst populäre Oppositionspolitiker Etienne Tshisekedi nicht für das Präsidentenamt kandidiert - er hatte sich selbst ausmanövriert - schieben manche auf die Europäer. "Ihr habt die Mayonnaise angerührt", sagt der 65-jährige Verwalter eines Fußballstadions, Rogers Wawa, und meint, die Europäer hätten über die Kandidatenliste entschieden. "Und jetzt sagt ihr uns: nun esst die Mayonnaise, wie sie euch schmeckt."

Mit den historischen Wahlen soll auch die Ära enden, in der wechselnde Machthaber das Land von der Größe Westeuropas als Selbstbedienungsladen missbraucht und seine Institutionen zerstört haben. Korruption ist seit Mobutus Tagen das einzige funktionierende System, bis hinunter zum Verkehrspolizisten, der die Hand aufhält, wenn man abbiegen will. Eine Anti-Korruptionsorganisation hat mehr als 40 Worte zusammengetragen, die Schmiergeld bezeichnen: Tee, Kaffee, Bier, Spritze sind nur einige.

Aus UN-Kreisen ist zu hören, dass die EU-Mission am Stadtflughafen Kinshasas N'dolo ihr Hauptquartier beziehen wird. Also nicht im feinen Stadtteil Gombe, wo neben Diplomaten fast nur schwerreiche Kongolesen leben, sondern zwischen überfüllten, armen Stadtvierteln wie Funa, Barumbu und dem noch immer legendären Matongé, das einst wegen seines Nachtlebens berühmt war und einem Brüsseler Stadtteil bis heute seinen Namen leiht. Ein sichtbares Zeichen setzen wolle die EU, heißt es. Mit einer Stärke von einigen hundert Soldaten in einer Sieben--Millionen-Stadt kein ganz leichtes Unterfangen.

Im Idealfall werden die Truppen aus einem Land abziehen, dessen neue politische Institutionen bereit sind, die Arbeit aufzunehmen. Dass der Senat, bereits eingerichtet sein wird, ist unwahrscheinlich. Doch dass innerhalb von vier Monaten der Präsident und eine Kammer des Parlaments gewählt und ein Premier eingesetzt sein werden, hält die UNO für machbar. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.6.2006)

Judith Reker aus Kinshasa

Die Autorin arbeitet als freie Journalistin und durchquert seit Herbst 2005 die Region Ost- und Zentralafrika.
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    Deutsche Soldatin in Ndolo, dem Flughafen von Kinshasa.

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