Nach Beben nun Angst vor Eruption

9. Juni 2006, 16:41
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Forscher befürchten, dass das Beben auf Java den seit Wochen rumorenden Vulkan Merapi gefährlicher gemacht hat

Mehr als 5800 Tote, unzählige Verletzte - dass der seit Wochen rumorende Merapi die Ursache des schweren Erdbebens auf Java war, gilt als ausgeschlossen. Doch Forscher befürchten, dass das Beben den Vulkan gefährlicher gemacht hat.

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Yogyakarta/Potsdam - Wer Geologen ratlos sehen will, sollte diese Frage stellen: Können Erdbeben Vulkane zum Ausbruch bringen? "Nach allem, was wir wissen: nein", sagt Vulkanologe Bernd Zimanowski von der Uni Würzburg. "Allerdings wissen wir nicht viel darüber." Der umgekehrte Mechanismus ist die Regel: Der Aufstrom von Magma lässt die Erde leicht erzittern. Die Wirkung von Bebenwellen auf Vulkane hingegen scheint gering, denn ihre Energie verliert sich schnell.

Was aber, wenn sich ein schweres Beben ganz in der Nähe ereignet, wie am Wochenende auf Java geschehen? Vulkane wie der Merapi, die ohnehin sehr aktiv sind, könnten nach einem Beben explodieren, meint Thomas Walter vom Geoforschungszentrum Potsdam (GFZ): Der Mauna Loa auf Hawaii sei mehrmals in Folge von Starkbeben ausgebrochen, schreibt er im "Journal of Geophysical Research".

Nach einem Beben verschiebt sich das umliegende Gestein, Spannungen verlagern sich. Baut sich unter einem Vulkan so der Gesteinsdruck ab, könne das den gleichen Effekt haben wie bei einer Mineralwasserflasche, die aufgedreht wird, sagt Walter: Der Vulkan schäumt über. Wenn das Beben den Vulkan zudem erschüttert, wirke das, als ob eine Sprudelflasche geschüttelt würde - Gase lösten sich aus dem Magma, erhöhten den unterirdischen Druck.

Nach besonders starken Beben in Guatemala im Jahr 1902, in Kamtschatka 1952 und in Chile 1960 ereigneten sich in der Umgebung viel mehr Ausbrüche als sonst, hat Walter herausgefunden. Die Aktivität der Vulkane hielt jeweils Jahre lang an. "Ein Zusammenhang mit den Erdbeben ist wahrscheinlich", ist Walter überzeugt.

Das verheerende Beben vom Samstag vergrößert das Dilemma der Vulkanologen: Sie können zwar bestimmen, wie aktiv ein Vulkan ist, jedoch nicht festlegen, wann er ausbrechen wird. Auf ihre Warnungen hin haben vor drei Wochen zehntausende Anwohner des Merapi ihre Häuser verlassen - eine der bisher größten vulkanbedingten Evakuierungen. Die meisten sind zurückgekehrt.

Geochemiker Martin Zimmer vom GFZ warnt, das Erdbeben habe sich ausgerechnet in einer Phase ereignet, in der der Vulkan so aktiv ist wie zuletzt 1930. Kurz nach dem Beben spuckte der Merapi eine drei Kilometer hohe Aschewolke. Die Gefahr eines Ausbruchs scheint größer denn je.

Tödlich heiße Ströme

Damit verbunden ist die Angst vor den pyroklastischen Strömen aus bis zu 800 Grad heißer Asche und Dampf, die mit enormen Geschwindigkeit gespenstisch leise talabwärts rasen und Lebewesen bis auf die Knochen versengen. Zuletzt tötete eine Glutlawine vor zwölf Jahren 66 Menschen, hunderte wurden schwer verbrannt. Das passiert alle paar Jahre am Merapi. Und immer wieder kommt es zum großen Ausbruch: Im Dezember 1930 tötete eine Eruption 1300 Menschen, eine Explosionsserie im Jahr 1872 löschte gar alle Dörfer im weiteren Umkreis aus. Die 35 Kilometer südlich gelegene Stadt Yogyakarta steht auf alten Lawinenablagerungen.

Der Berg könnte irgendwann explodieren wie der Mount Saint Helens in den USA im Jahr 1980, erklärt Vulkanologe Birger Lühr vom GFZ: "Die Folgen für Millionen Menschen im Umland des Merapi wären katastrophal."

Einen so großen Ausbruch des Merapi erwarten Forscher zurzeit aber nicht. Dafür fehlen entsprechende Vorzeichen. Doch hängt alles an der Stabilität jenes Gesteinklumpens, der den Vulkanschlot verstopft. Magma drückt den erstarrten Lavabrocken kontinuierlich aus dem Berg, berichtet Geophysiker Mattias Hort von der Uni Hamburg. Kollabiere der Koloss, der bereits gefährlich über den Gipfel ragt, dann schieße die tödlich heiße Glut hervor. (DER STANDARD, Print, 2.6.2006)

Axel Bojanowski

Abstract
Journal of Geophysical Research: Volcano-earthquake interaction at Mauna Loa volcano, Hawaii

Link
Erdbeben in Indonesien
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der Merapi auf Java in Indonesien am Donnerstag: Forscher fürchten, dass das Beben den Vulkan gefährlicher gemacht hat.

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