Wenn Scotland gegen England kickt

2. Juni 2006, 17:34
32 Postings

Weil sie selbst nicht dabei sind, bejubeln die Schotten jeden, der ge­gen den Erzrivalen Eng­land antritt - Der neue Held ist Jason Scotland

Er hat pechschwarze Locken und dunkle Haut, nicht unbedingt typisch für einen Schotten. Dennoch sieht man ihn zünftig im Schottenrock auf dem Rasen stehen, in Siegerpose. Ein schönes Bild, passend zur Globalisierung, könnte man meinen. Hundertfach hängt es in Schaufenstern, ziert Computerschirme und die Reklametafeln der Limonadenmarke Irn-Bru, des schottischen Nationalgetränks. Über Nacht hat das Volk der Clans und Sean Connerys einen neuen Helden gefunden: Jason Scotland (27), einen Fußballer aus Trinidad und Tobago alias TT.

Im Alltag stürmt er für den St. Johnstone FC in der zweiten schottischen Liga, was hilfreich sein mag, aber den Rummel nicht annähernd erklärt. Wichtiger ist, dass er bald gegen England antritt, den Erzrivalen der Landsleute Connerys. Vorausgesetzt, er wird aufgestellt am 15. Juni, dem Tag des WM-Duells zwischen den Beckhams und Lampards und den krassen Außenseitern aus der Karibik. Allein der Name, was für ein Spaß! Es gibt Videoclips, auf denen stößt ein Junge aus Glasgow triumphierend die Faust in die Luft und ruft: "Hey, Leute, wer gewinnt die WM? Scotland!"

Die Ursache des Kults, die goldene Regel schottischer Fußballkultur, ist schnell erklärt. Wer gegen England spielt, wird angefeuert. Der Rest ist Nebensache. Hauptsache, England verliert. Wobei es am schönsten ist, wenn ein Underdog gegen die Engländer siegt, eine Elf à la TT.

Diesem Leitfaden treu verpflichtet, wirbt ein Elektronikhändler aus dem Städtchen Perth mit einem besonderen Gag. Wer extra für die WM einen Fernseher kauft, bekommt sein Geld zurück, falls am Ende die verhassten Englishmen den Pokal holen. Dann, so die Logik des Mannes, war das Zuschauen schlicht für die Katz. Sollten Scotland &Co triumphieren, gibt es gar Flachbildschirme gratis. Flaggen Trinidad und Tobagos, Schirmmützen, Armbänder, T-Shirts, das alles geht weg wie warme Semmeln. Und schon ist allenthalben von McTrinidad die Rede.

"Wir wissen schon, warum sie uns mögen. Aber wir hüten uns, das noch größer zu reden, als es schon ist."Ashton Ford, TT-Diplomat in London, zieht sich so elegant aus der Affäre, wie man das von einem Vertreter seines Berufsstands erwarten darf. "Wir wollen nicht zerrieben werden im Streit zwischen zwei großen Nationen."Mit den zwei großen Nationen meint er England und Schottland, und allein der Satz lässt ahnen, zu welchen Bergen sich die Fanpost in Fords Büro stapeln wird.

Blair und die Schotten

Schwieriger ist es da schon im Zentrum britischer Macht, einer Bühne voller Fallstricke und Fettnäpfchen. Es sind nämlich Schotten, die in Tony Blairs Kabinett an wichtigen Hebeln sitzen. Gordon Brown hat die Finanzen unter sich, John Reid das Innenressort, was an sich schon Neid provoziert. "Nicht mal ihren kaledonischen Akzent haben sie abgelegt", giftet die Daily Mail, das Zentralorgan kleinenglischen Scheuklappendenkens, und wärmt eine alte These neu auf. Die Schotten, geht der Vorwurf, haben es durch allerlei Kniffe geschafft, den Inselstaat de facto zu regieren. Obwohl sie nur fünf Millionen sind, ein Klacks gegenüber 50 Millionen Engländern.

So spießig die Klagen klingen, so geschickt muss ein Thronanwärter wie Brown angesichts der WM-Klippen lavieren. Er will britischer Premier werden, Tony Blair spätestens 2007 beerben. Und die einzige Mannschaft, die für Großbritannien in Deutschland aufläuft, ist nun mal die mit den englischen Löwenhemden. Er drücke den Three Lions die Daumen, hat der Schatzkanzler bereits vor Wochen verkündet. Dabei klang er allerdings so unterkühlt, dass ihm kommentierende Kleingeister sofort unterstellten, er sage das nur, um die Leute zu täuschen. Prompt legte Blairs Kronprinz nach: Zwei Drittel der Schotten seien diesmal für England, genau wie er.

Das wiederum quittierte der Scotsman, gedruckt in Edinburgh, mit einer lokalpatriotischen gelben Karte für Brown: "Uns ist nicht bekannt, woher er das hat." (DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 2. Juni 2006)

Frank Herrmann aus London
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Mittelstürmer Jason Scotland stimmte sich mit Trinidad und Tobago in Celje für Deutschland ein. Die seinen bezogen gegen Slowenien, das der WM fern bleibt, ein 1:3. Scotland ging als Torschütze leer aus.

Share if you care.