Der Fußball und die Farbenlehre

1. Juni 2006, 18:54
posten
Am 9. Juni ist Anpfiff. Goethe hätte seine Freude daran. In kaum einer Arena hat die 1810 publizierte Farbenlehre des Dichters einen so großen Einfluss auf Sieg oder Niederlage der Parteien wie auf dem Fußballplatz. Aber eben nicht nur dort - auch Politiker und Wähler sollten daher auf suggestive spektrale Spezifika achten.

Schwarz ist das Böse, laut Goethe "Repräsentant der Finsternis". US-Wissenschafter untersuchten daher die Wirkung schwarzer Trikots in der National Football League. Ergebnis: Schwarze Teams erhielten viel mehr Strafminuten als andersfarbige, wurden von Unparteiischen generell härter bestraft. Was an ihrem Verhalten liege - wer sich mit Schwarz umgebe, der agiere ausgesprochen aggressiv.

Eine Analyse von Wettkämpfen zwischen Roten und Blauen ergab, dass mit Himmelsfarben trikotierte Teams sicher keine Siegertypen sind. Schon Goethe assoziierte Blau mit ätzender Lauge und einem "Gefühl von Kälte".

Ganz anderes die Roten, deren stoffliches Spektrum für Goethe "einen Eindruck sowohl von Ernst und Würde als auch von Huld und Anmut"erweckt. Britische Anthropologen stellten nach der Fußball-Europameisterschaft 2004 tatsächlich fest, dass Teams in Rot durchschnittlich 0,97 Tore mehr erzielt hatten als in andersfarbigen Dressen. Sie führen das auf Darwins Evolutionstheorie zurück: Bei Tieren stehe Rot für Dominanz.

Die Wirkung anderer Farben ist fußballwissenschaftliche Ödnis, hier muss Goethe allein herhalten. In Grün erblickt er "eine reale Befriedigung", hingegen sei ein gemeinsames Antreten von Blau und Grün eine "charakterlose Zusammenstellung". Bleibt noch Orange. Hier vermeint der Dichter "einen warmen und behaglichen Eindruck"- und zeigt damit ein kulturphilosophisches Dilemma auf: den Unterschied zwischen Dichtung und Wahrheit. (DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 2. Juni 2006, Andreas Feiertag)

Share if you care.