Hohe Volatilität, hohe Margen, hohes Risiko

2. Juni 2006, 00:01
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Vor allem "sortenreine" Biotech-Fonds bergen erhebliche Risken in sich. Wer trotzdem daran glaubt, sollte kühlen Kopf bewahren

Biotech-Fonds, von denen in Österreich derzeit rund dreißig zum Verkauf zugelassen sind, zählen meist zur höchsten Risikoklasse. Die Wertentwicklung hängt von der Kursentwicklung des Wachstumsmarktes Biotechnologie ab, diese kann deutlichen Schwankungen unterliegen. Das Risiko wird durch die Fremdwährungskomponente - US-Aktien machen meist den größten Anteil aus - noch zusätzlich erhöht.

Index-Absturz 2002

An welchen "seidenen Fäden" die Performance der Branche mitunter hängt, wurde im ersten Halbjahr 2002 klar: Damals scheiterten mehrere hoffnungsfrohe Forschungsreihen; so wurde etwa der Prüfantrag des US-Konzerns ImClone für das Krebsmittel "Erbitux" (ein biotechnisch entwickelter Antikörper gegen das unkontrollierte Wachstum von Tumorzellen) von der Food and Drug Administration (FDA) wegen fehlender Unterlagen zurückgewiesen. Insider-Geschäfte des ehemaligen Vorstandschefs Samuel D. Waksal, in die auch die bekannte amerikanische Lifestyle-Unternehmerin Martha Stewart verwickelt war, wurden bekannt.

Folge: Die Aktien stürzten in die Tiefe. Der Nasdaq-Biotech-Index fiel von 900 Punkten im Jänner 2002 auf 403 Punkte im Juli 2002. Weil sich Risikokapitalgeber in der Folge zunehmend zurückzogen, sprechen Fondsmanager und Analysten auch hier vom Platzen einer "Blase" - ähnlich jener im Technologiebereich im Jahr 2000.

Ganz langsam erholte sich die Branche wieder. Ende vergangenen Jahres sorgten Fusionen sowie neue Zulassungen für Aufschwung. Erbitux wird mittlerweile von der Firma Merck außerhalb der USA erfolgreich vertrieben, das Medikament ist bis dato in 53 Ländern zur Behandlung von fortgeschrittenem Darmkrebs zugelassen, seit kurzem auch in den Vereinigten Staaten. Weltmarktführer Amgen (aktueller Börsenwert: 80 Mrd. Dollar) gab Mitte Dezember die Übernahme des Konkurrenten Abgenix um 2,2 Milliarden Dollar bekannt. Die Amgen-Papiere legten kurzfristig stark zu, Analysten sahen dies als Start einer neuen Übernahme-Welle.

Im ersten Quartal 2006 hielt diese Aufwärtsbewegung noch an, mittlerweile ist aber wieder eine gewisse Ernüchterung in der Branche eingekehrt. Im zweiten Quartal fallen die Kurse wieder, der Nasdaq Biotech-Index verlor allein zwischen 31. März und 12. Mai 2006 9,89 Prozent. Aktuell liegt er wieder bei knapp über 750 Punkten. Biotech-Fonds waren im April durchschnittlich elf Prozent im Minus.

Rückzug

Laut Michael Sjöström, Fondsmanager des PF-Biotech von Pictet Funds, war diese starke Korrektur hauptsächlich auf den Rückzug von US-Investoren aus risikoreicheren Sektoren wegen der ungewissen Zinssituation zurückzuführen. Trotz der Kursrally im 1. Quartal 2006 hätten kleinere und mittlere Unternehmen ("small-caps" und "mid-caps") im letzten Jahr unter dieser Entwicklung sehr gelitten, so Sjöström in einem aktuellen Kommentar.

Der Fondsmanager hält die jüngsten Kursverluste aber für übertrieben; "leichte Enttäuschungen" - Analysten zeigten sich beispielsweise von Amgens Bericht über das erste Quartal trotz höherer Umsätze enttäuscht - seien hart "bestraft" worden, wogegen überraschend gute Quartalszahlen anderer Unternehmen (zB Gilead) "ignoriert" worden seien, schreibt Sjöström. Mittel- bis langfristig seien die Aussichten für die Branche aber sehr positiv. 2005 waren die Übernahmen und Fusionen in der Biotech-Branche drei- bis viermal höher als in den Jahren davor, dies unterstreiche die Attraktivität der Biotech-Firmen.

Teure Forschung

Doch auch der Kapital-Bedarf ist enorm: Die Entwicklung eines neuen Medikaments kostet heutzutage nach einer Schätzung des deutschen Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) etwa 800 Millionen Dollar - von den ersten vorklinischen Untersuchungen über die Erprobung am Menschen bis hin zur Marktreife, bei einem angenommenen Entwicklungszeitraum von etwa zehn bis zwölf Jahren. Manche Experten schätzen die Kosten sogar auf bis zu eine Milliarde Dollar.

Als Faustregel gilt, dass bei einer neuen Substanz etwa drei Viertel der Aufwändungen auf die klinischen Studien entfallen, der Rest auf die präklinische Erforschung. Von etwa 10.000 vielversprechenden Kandidaten schafft es im Schnitt nur einer als Medikament bis zur Apotheke.

Als Folge setzen die Pharma-Konzerne zusehends auf so genannte "Life-Style-Medikamente" wie Potenzmittel oder Arzneien gegen Fettleibigkeit, Bluthochdruck oder zu hohe Cholesterinwerte - mit diesen ist das dringend benötigte Geld zu machen. Die Forschung für Medikamente gegen lebensbedrohliche Krankheiten wie Aids oder Malaria gerät dadurch aus dem Blickfeld.

"Kein glücklicher Zeitpunkt"

Nicht unterschätzen sollte man auch die Auswirkungen politischer Entscheidungen: Als die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA im November 2002 mit Mark McClellan einen neuen Chef bekommen hatte, registrierte die Branche kurzfristig eine Beschleunigung der Zulassungsverfahren. "Aber seit dem Vioxx-Skandal hat sich das wieder verlangsamt", berichtet Conny Schuemann, Fondsmanagerin der BA-CA-Tochter Capital Invest. Ihr Fonds ist ein fast "sortenreiner" Biotech-Fonds ("Pharmawerte bringen nicht die erwartete Performance"), dementsprechend hoch befindet er sich auch auf der Risiko-Skala.

Wie viele Fonds, die vor dem Jahr 2002 - siehe oben - an den Start gingen, befindet er sich in der Gesamtperformance mit rund 60 Prozent tief im Minus. Das Fondsvermögen ist von rund 40 Millionen Euro im Jahr 2001 auf etwas über 17,4 Millionen gefallen. Seit Mitte 2003 geht es bei sehr hoher Volatilität wieder leicht bergauf, dennoch muss Schuemann einräumen, dass der Start "leider nicht zu einem glücklichen Zeitpunkt" erfolgt sei.

Ein anderer großer österreichischer Biotech-Fonds ist der ESPA Stock Biotech von der Erste Bank-Tochter Sparinvest. Er ist seit seiner Auflage im Performance-Ranking von Standard & Poor's - mit einer Ausnahme - immer in den Top-4 vertreten gewesen, wie Fondsmanager Hans Leitner nicht ohne Stolz berichtet. Er verwaltet derzeit ein Volumen von 56 Millionen Euro, im Vorjahr betrug die Performance mehr als 47 Prozent. Diese Zahl täuscht allerdings über eines hinweg: Weil der Wert der Anteile bis etwa Anfang 2003 auf unter 60 Prozent des Ausgabewerts abstürzte - im Jahr 2002 betrug das Minus ebenfalls satte 47 Prozent -, beträgt die Performance seit Beginn (bereinigt) nur knapp zwei Prozent - dies aber im Plus.

Strategien

Einer der Hauptunterschiede zum Fonds der Capital Invest ist, dass Leitner voll auf Pharma- und Generika-Firmen setzt, zunehmend auch in Südkorea. Der südkoreanische Markt sei für Investoren sehr interessant, weil der Staat viel Geld für die Förderung von Infrastruktur ausgebe, so Leitner.

Beide Fonds haben den Großteil der ihnen überlassenen Gelder jedoch in den USA investiert - Leitner zu mehr als sechzig, Schuemann zu fast neunzig Prozent. Große Währungs-Risiken sieht Leitner nicht. "Wer in Biotech investiert, setzt nicht auf Währungen, sondern auf die Idee", meint Leitner im Gespräch mit derStandard.at. Zudem orientiert sich der südkoreanische Won am US-Dollar, folglich sei hier die Gefahr von Währungsverlusten nicht größer als bei Investitionen in den USA. Schuemann räumt ein, dass ihr Fonds gegen Währungsrisiken nicht abgesichert ist - "das wurde den Anlegern aber auch mitgeteilt".

Schuemann, die das Management des Fonds erst nach der großen Krise 2002 übernommen hat, glaubt jedenfalls weiter fest an das Potenzial von Biotech-Werten. "Vor allem in der Onkologie tut sich sehr viel", soeben findet etwa in den USA der weltgrößte Krebs-Kongress statt. Solche Veranstaltungen bringen üblicherweise schon im Vorfeld, wenn die Abstracts der präsentierten Studien veröffentlicht werden, erhebliche Bewegung in die Branche.

Wissen ist Macht

Für Leitner besteht der Wert eines Unternehmens in erster Linie aus dem "Wissen", das es besitzt - in Form von Patenten. Wichtig sei aber auch eine gewisse Risikostreuung innerhalb der einzelnen Unternehmen: "Wir haben keine Firmen im Portfolio, die nur ein einziges Produkt entwickeln, wo das Ergebnis eins oder hundert sein kann."

Von einem "externen" Management in den USA, wie dies manche österreichische Fonds haben, hält Leitner nicht viel. Dies koste meist nur an Rendite, bringe aber nicht viel. Schuemann wird von einem Expertenbeirat aus Ärzten und Vorständen (von Firmen, die sie nicht im Portfolio hat, wie sie betont) unentgeltlich beraten.

Zeitraum von fünf Jahren - mindestens

Wer vorsichtig in Biotech-Fonds anlegen will, sollte auf eine Mischung aus "reinen" Biotech- und Pharma-Aktien setzen. Außerdem gilt es, bei kurzfristig - auch durchaus hohen - Verlusten nicht den Kopf zu verlieren: Leitner und Schuemann empfehlen jedenfalls einen Veranlagungszeitraum von mindestens fünf Jahren.

Ob sie sich vorstellen können, auch in österreichische Aktien - Stichwort Intercell - zu veranlagen? Leitner verneint dies. Er freue sich zwar für das Unternehmen, überlege derzeit aber nicht, Papiere des österreichischen Biotech-Unternehmens zu zeichnen. Schuemann, die Intercell schon einmal im Portfolio hatte, dagegen schon: "Die kündigen Ergebnisse an und liefern sie auch", zeigt sie sich von der Performance beeindruckt. Vielleicht schon demnächst, sagt sie, werde sie Intercell wieder ins Portfolio nehmen. (Martin Putschögl)

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    Von etwa 10.000 vielversprechenden Kandidaten schafft es im Schnitt nur einer als Medikament bis zur Apotheke.

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