"The Road to Guantanamo": Aufklärungsversuche in Videoclipmanier

2. Juni 2006, 12:19
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"The Road to Guantanamo" – ein Dokudrama von Michael Winterbottom und Mat Whitecross über den Fall der "Tipton Three"

Wien – "The Road to Guantanamo" – wie der Titel schon sagt, wird hier ein Weg nachgezeichnet, der in den Internierungslagern, die die USA auf ihrem Marinestützpunkt Guantánamo Bay 2002 für mutmaßliche Taliban- und Al-Kaida-Kämpfer einrichteten, sein (vorläufiges) Ende findet. Grundlage für den mit einem Silbernen Bären prämierten Film von Michael Winterbottom und seinem Co-Regisseur Mat Whitecross ist der Fall dreier britischer Staatsbürger, junge Männer pakistanischer Herkunft aus Tipton/Birmingham, die zwei Jahre dort festgehalten wurden, bis man sie schließlich freilassen musste.

Ihr Weg nach Guantánamo beginnt im Herbst 2001, kurz nach den Anschlägen auf das World Trade Center. Einer der ursprünglich vier Freunde soll in der Heimat der Eltern heiraten, die anderen begleiten ihn. Ein Ausflug führt zum spontanen Entschluss, nach Afghanistan weiterzureisen, um dort "Hilfe zu leisten".

Stattdessen finden sich die vier im Krieg wieder. Einer verschwindet für immer im Getümmel einer überstürzten Flucht. Die übrigen drei geraten in die Gefangenschaft der Nordallianz, werden als vermeintliche Taliban-Kämpfer an die US-Armee ausgeliefert und schließlich nach Kuba ausgeflogen.

"The Road to Guantanamo" ist kein Dokumentarfilm, aber auch keine klassische Fiktionalisierung dieser Geschichte. Zum einen kommen darin die "Tipton Three" selbst zu Wort. Weiters werden ihre Erfahrungsberichte über weite Strecken mit Schauspielern nachinszeniert, die Kriegswirren und die Routinen im Lager rekonstruiert. Dazu montieren Winterbottom und Whitecross Nachrichtenschnipsel – nicht selten, um in polemischen Montagen die komplexe "Realität" mit eindimensionalen Statements politischer Entscheidungsträger zu konfrontieren.

Der Film zielt auf eine grundsätzliche Kritik an der Einrichtung der Lager und an der Außerkraftsetzung demokratischer Grundrechte. Die Wahl der filmischen Mittel bleibt allerdings fragwürdig. "The Road to Guantanamo" kommt als schnittiger Videoclip daher. Alle paar Sekunden wird eine Einstellung von der nächsten abgelöst. In der atemlosen Bilderflut geht zwangsläufig jede Trennschärfe verloren.

Das Werk von Winterbottom wird bisher vor allem damit assoziiert, dass sich der 45-jährige Regisseur recht ungezwungen unterschiedlichster Genres und Stile bedient. Sollte er hier vorgehabt haben, sich die zweifelhaften Materialverquickungen und hektischen Verkürzungen zeitgenössischen Infotainments anzueignen, um dann per Mimikry eine Art Metakritik anzustellen, dann hat er dieses Ansinnen zu gut verborgen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.6.2006)

Von Isabella Reicher
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    foto: 3l
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