"Skandal schlimmer als erwartet"

17. Juli 2006, 15:11
6 Postings

Kommissarischer Präsi­dent Guido Rossi vom Ausmaß des Skandals schockiert: "Die schwierigste Aufgabe meines Lebens"

Rom - Der kommissarische Präsident von Italiens Fußballverband (FIGC), Guido Rossi, der nach dem Rücktritt von Verbandschef Franco Carraro vor drei Wochen das Amt übernommen hat, ist über den ausgedehnten Manipulationsskandal im Stiefelstaat erschüttert. "Ich bin sprachlos. Als ich den Auftrag übernommen habe, hätte ich nicht gedacht, dass der Skandal dieses Ausmaß erreichen würde", sagte Rossi am Donnerstag im Interview mit dem italienischen Pay-TV-Kanal Sky Italia. Der Mailänder Wirtschaftsexperte betonte, dass er vor der schwierigsten beruflichen Herausforderung seines Lebens stehe.

Rossi traf mit Liga-Chef Adriano Galliani zusammen, mit dem er über dessen Zukunft im italienischen Fußball diskutierte. Der Milan-Präsident erklärte sich zum Rücktritt bereit, sobald der Verband neue Regeln zur Wahl eines neuen Liga-Bosses verabschieden werde. Galliani wird beschuldigt, 2001 mit Hilfe von Juventus-Ex-Manager Luciano Moggi und mehreren gekauften Stimmen die Wahl zum Liga-Chef gewonnen zu haben.

Juve, AC Milan und Lazio Rom unter Verdacht

Moggi wird der systematischen Manipulation der Saison 2004/2005 zu Gunsten des italienischen Rekordmeisters Juventus verdächtigt und steht im Mittelpunkt des Skandals, der von korrupten Referees, illegal wettenden Kickern über manipulierte Spielertransfers, Bilanzfälschungen bis hin zu Aktienkurs-Manipulationen reichen soll. Die Staatsanwälte haben neben "Juve" vor allem AC Milan und Lazio Rom im Visier.

"Bevor ist zurücktrete, muss man neue Regeln schreiben und einen passenden Manager finden, der die Führung der Liga übernehmen kann", betonte Galliani im Gespräch mit der italienischen Sporttageszeitung "Gazzetta dello Sport" (Donnerstag-Ausgabe). Der neue Manager, der voraussichtlich im September das Ruder der Liga übernehmen wird, soll keine direkten Verbindungen zu italienischen Fußballklubs haben.

Harte Maßnahmen gefordert

Der frühere Vize-Chefermittler des Fußballverbandes (FIGC), Mario Stagliano, forderte indes am Donnerstag vehement: "Für mich muss Juve in die Serie B und die letzten beiden Meistertitel aberkannt bekommen." Von Trainer Fabio Capello forderte Juventus deshalb eine Zusage auch für die Serie B. Statt mit "Juve" durch die Provinz zu tingeln, scheint der Meistertrainer aber lieber Spaniens Rekordmeister Real Madrid betreuen zu wollen.

Doch auch von außen gerät der italienische Fußball eine Woche vor dem Start der Weltmeisterschaft in Deutschland immer mehr unter Druck. Die Europäischen Fußball-Union (UEFA), bei der sich Italien ausgerechnet jetzt um die Ausrichtung der EM 2012 bewirbt, fordert eine schnelle Aufklärung der Skandale. "Wir sind in einer Notlage. Keiner will die Europacup-Wettbewerbe ohne italienische Mannschaften, aber es könnte passieren", warnte UEFA-Generalsekretär Lars-Christer Olsson.

Urteile bis Ende Juli

Bis zu den Europacup-Auslosungen am 27. und 28. Juli seien die Urteile der Sportjustiz gefällt, versprach Rossi. FIGC-Chefermittler Borelli will seine Anklageschriften bereits in drei Wochen fertig haben. Rechtsexperten in Italien bezweifeln dies jedoch und befürchten übereilte Ho-Ruck-Verfahren. Regierungsvertreter planen bereits eine parlamentarische Untersuchungskommission.

Von Abhöraktionen, Hausdurchsuchungen und Verhören in die Enge getrieben, flüchten sich die mutmaßlichen Drahtzieher der so genannten Fußball-Mafia in gegenseitige Schuldzuweisungen. Luciano Moggis Anwalt Fulvio Gianaria erklärte, der frühere Juve-Manager habe seinen Verein nur gegen die Übermacht des AC Milan verteidigen wollen, was die Mailänder als "absurd" zurückwiesen.

Alle anderen schlüpfen in die bequeme Rolle der Moggi-Opfer. Auch Lazio Roms Präsident Claudio Lotito, der in einem sechsstündigen Verhör der Staatsanwaltschaft Neapel alle Vorwürfe zurückwies. "Lazio ist sauber", erklärte Lotito, gegen den in Rom und Mailand wegen Aktienkurs-Manipulationen ermittelt wird.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Herr Rossi hat nur schlechte Nachrichten.

Share if you care.