"Taliban haben Vorgehen professionalisiert"

23. November 2006, 12:28
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Die Politologin Citha D. Maass, derzeit in Afghanistan, im E-Mail-Interview über die Gründe der neuerlichen Gewalt-Eskalation

Afghanistan wird erneut von einer Welle der Gewalt erschüttert. Wie angespannt die Situation ist, zeigten die Ausschreitungen nach dem Zusammenstoß eines US-Militärlastwagens mit Zivilfahrzeugen. Die Sicherheitslage hat sich nach mehreren Anschlägen der Taliban drastisch verschlechtert, Hilfsorganisationen haben das Land verlassen. Im Interview mit derStandard.at geht die deutsche Politikwissenschafterin Citha D. Maass, die sich zur Zeit in Afghanistan aufhält, den Gründen für die Eskalation nach und spricht von einer "Professionalisierung der Taliban" und einem gefährlichen Machtvakuum, das Präsident Karzai entstehen habe lassen. Die Fragen stellte Rainer Schüller.

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derStandard.at: In letzter Zeit gibt es wieder vermehrt Berichte über Kämpfe zwischen den Taliban und der US-Armee. Wie sehr hat sich die Lage tatsächlich verschlimmert?

Maass: Die Lage ist sehr unterschiedlich in den Provinzen. Besonders im paschtunischen Süden, der zugleich ein zentrales Drogenanbaugebiet ist, hat sich die Lage seit dem Frühjahr bedenklich verschlechtert. Dagegen sind bislang in anderen Landesteilen und in Kabul nur vereinzelt Anschläge zu verzeichnen.

Sie gehen teils auf das Konto der Taliban und richten sich gegen US-Militäreinheiten oder internationale Organisationen. Teils sind sie aber auch auf Machtkämpfe zwischen den neu entsandten Vertretern der nationalen Regierung und den traditionellen Machthabern zurückzuführen wie beispielsweise in Herat vor einigen Tagen.

derStandard.at: Kann man nun von einer Rückkehr der Taliban sprechen?

Maass: Seit Herbst 2005 deuteten die vermehrten Selbstmordanschläge darauf hin, dass sich die Taliban neu gruppiert haben und eine neue Taktik anwenden. Diese Tendenz hat sich seit dem Frühjahr 2006 verstärkt und ist auf verschiedene Gründe zurückzuführen.

So haben die verschiedenen Talibangruppen ihr Vorgehen professionalisiert. Aber auch das Machtvakuum, das die Regierung Karzai im Süden entstehen ließ, hat das Vordringen der Taliban begünstigt. Die Vernetzung mit Drogenschmugglern ist offensichtlich. Schließlich hat das unsensible Auftreten der US-geführten Coalition Forces dazu geführt, dass Dorfälteste subversive Aktivitäten verschweigen.

derStandard.at: Waren die Taliban überhaupt je "weg"?

Maass: Nein. Neu dürfte aber die erkennbare Neuorganisation der verschiedenen Talibangruppen sein.

derStandard.at: Woher nehmen die Taliban heute ihre Waffen bzw. die finanziellen Mittel für den "Heiligen Krieg", den sie nun wieder ausgerufen haben?

Maass: Im Zuge der jüngsten Professionalisierung ist anzunehmen, dass sich Neo-Taliban-Gruppen unter selbständig agierenden Führern mit Hekmatjars Hezb-e-Islami und international finanzierten Al Qaida-Spezialisten zunehmend koordinieren und das Training verbessern.

derStandard.at: Der afghanische Wirtschaftsminister hat gemeint: "Die Gegner des neuen Afghanistan versuchen die Irakisierung Afghanistans". Was unterscheidet die Lage in Afghanistan eigentlich von der im Irak?

Maass: Die staatlichen und gesellschaftlichen Strukturen im Irak und Afghanistan sind so verschieden, dass man nicht von einer Irakisierung sprechen kann. Auch ist bislang nicht bekannt geworden, dass direkte Verbindungen zu den irakischen Widerstandsgruppen bestehen.

Statt dessen ist in Afghanistan der Einfluss arabischer Al Qaida-Mitglieder einerseits und islamistischer Gruppen paschtunischer Zugehörigkeit aus Pakistan andererseits dominierend.

derStandard.at: Was bedeuten die neuen Kämpfe für Präsident Karzai bzw. die Demokratie in Afghanistan?

Maass: Das erklärte Ziel der Anschläge ist, die ohnehin schwache Regierung Karzai weiter zu destabilisieren. Leider unterminiert Hamid Karzai sein Ansehen als demokratisch orientierter Präsident selbst dadurch, dass er korrupte und unfähige Gouverneure und Polizeichefs nicht entlässt, sondern sie lediglich zwischen den Provinzen routiert.

In der Bevölkerung wächst die Frustration darüber, dass Karzai tatenlos zusieht, wie einflussreiche frühere Kommandanten und Kriegsverbrecher hohe Posten einnehmen. Sie sind im Kabinett und im Parlament zu finden und verhindern die dringend notwendige Reinigung der nationalen und provinziellen Institutionen.

derStandard.at: Was werden die USA nun unternehmen?

Maass: Die Afghanistanpolitik der USA muss von Anfang an im Kontext der globalen US-Interessen gesehen werden, so des "weltweiten" Kriegs gegen den Terrorismus, des Kriegs im Irak und nun neuerdings der Nukleareskalation mit dem Iran.Das US-Engagement in Afghanistan wird primär durch diese Interessen und weniger durch innerafghanische Notwendigkeiten bestimmt.

Die im Herbst anstehenden Zwischenwahlen für den US-Senat könnten die Bush-Administration veranlassen, vorher US-Truppen aus Afghanistan abzuziehen, um die wachsende Kritik an den Verlusten zu entschärfen. Das würde die Last der Terrorismusbekämpfung auf die NATO-geführte ISAF abwälzen. Deren begrenzteres Mandat erlaubt aber kein offensives Vorgehen gegen die Taliban.

derStandard.at: Was sollten unternommen werden, um die Lage zu stabilisieren?

Maass: Die internationale Gemeinschaft hat sich zu sehr durch die sichtbaren, aber nur oberflächlichen Erfolge des Aufbaus staatlicher Institutionen blenden lassen. Die Institutionen sind nun geschaffen, doch sind sie (noch?) nicht funktionsfähig. In der Bevölkerung gelten sie als korrupt und als Pfründenverteiler der alt-neuen Machthaber.

Auch mehren sich kritische Stimmen, dass Karzai selbst "Teil des Problems" sei, da er sich nicht gegen die altbekannten Machthaber durchsetzt, seine Position durch politische Handel mit starken Regionalfürsten absichert und sein eigenes Klientelsystem aufbaut. Um seine schwindende Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung zurückzugewinnen, müsste Karzai dringend die neuen Institutionen glaubwürdig, effizient und rechenschaftspflichtig machen. Dazu sollte ihn die internationale Gemeinschaft drängen.

derStandard.at: Hilfsorganisationen haben sich aus dem Land zurück gezogen, nachdem auch Mitarbeiter ermordet wurden. Woher kommt nun Hilfe für die Bedürftigen im Land?

Maass: Der Rückzug hat schon im letzten Jahr eingesetzt und dürfte durch zukünftige Anschläge noch beschleunigt werden. Um die soziale Versorgung der Bevölkerung nicht ganz zu stoppen, sollten die internationalen Hilfsorganisationen vor allem ihre einheimischen Mitarbeiter verstärkt ausbilden, damit wenigstens diese in die Dörfer gehen können.

derStandard.at: Wie sicher fühlen Sie sich als Ausländerin in Afghanistan?

Maass: Als Frau habe ich mich aufgrund der jahrhundertelalten afghanischen Traditionen noch nie frei bewegen können. Davon abgesehen schränke ich meine Bewegungsfreiheit nur in Momenten akuter Bedrohung ein. Ansonsten gehe ich meiner Arbeit so normal wie möglich nach.

derStandard.at: Würden Sie Ausländern derzeit empfehlen, nach Afghanistan zu reisen?

Maass: In den letzten drei Wochen bin ich mit den afghanischen Mitarbeitern mit dem Auto nach Jalalabad und nach Mazar-e-Sharif gefahren und nach Herat geflogen. Es ist wichtig, dass sich Ausländer gerade jetzt in der Bevölkerung zeigen.

Die Bevölkerung befürchtet nämlich immer mehr, dass sich ihre Erfahrung von 1992 widerholt, als sich die USA nach dem Sturz des kommunistischen Regimes schlagartig aus Afghanistan zurückzogen. Deshalb sollte die internationale Gemeinschaft gerade jetzt ihre Präsenz demonstrieren. Dabei versteht es sich von selbst, dass man das eigene Verhalten an die jeweilige Sicherheitslage anpasst.

Zur Person

Die Politologin Citha D. Maass von der deutschen Stiftung Wissenschaft und Politik hält sich zur Zeit in Afghanistan auf. Sie nimmt an Workshops teil, um das Thema Vergangenheits- Bewältigung und Kriegsverbrechen in der Bevölkerung bewusst zu machen. Die Workshops wurden in Kabul, Jalalabad, Herat und Mazar-i-Sharif abgehalten, um verschiedene ethnische Gruppen und Regionen einzubeziehen.

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  • Citha D. Maass: "Das Machtvakuum, das die Regierung Karzai im Süden entstehen ließ, hat das Vordringen der Taliban begünstigt."
    foto: swp

    Citha D. Maass: "Das Machtvakuum, das die Regierung Karzai im Süden entstehen ließ, hat das Vordringen der Taliban begünstigt."

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