Kein "Tilgen von Spuren" in Berlin

1. Juni 2006, 18:22
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Politiker und Zentralrat der Juden gegen Wegschaffen der Monumental-Skulpturen aus der NS-Zeit

Berlin - Pünktlich zum Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft ist wieder ein Streit um die monumentalen NS-Statuen am Berliner Olympiastadion entbrannt. Eine ähnliche Situation hatte es schon bei der gescheiterten Bewerbung Berlins für die Olympischen Spiele 2000 gegeben. Die heroisierenden "Muskelpakete" von Künstlern wie Arno Breker und Josef Thorak mit den "Rosseführern", Diskuswerfern und Staffelläufern waren auf Anordnung Hitlers zu den Olympischen Spielen 1936 in Berlin aufgestellt worden. Für Thoraks "Faustkämpfer" soll Max Schmeling Modell gestanden haben.

Die Statuen aus Travertin, einem porösen Kalkstein, überstanden den Krieg und wurden nie entfernt - auch nicht von der britischen Besatzungsmacht, die auf dem Olympiagelände bis zum Abzug 1994 ihr Hauptquartier hatte und dort alljährlich den Geburtstag ihrer Königin feierte. Aber das Gelände gilt seit der NS-Zeit als "belastet" und ist, wie der Kulturpolitiker Hilmar Hoffmann es formulierte, "das einzige unzerstört in unsere Gegenwart ragende monumentale Relikt aus Hitlers untergegangenem Reich". 1936 hatte NS-Propagandaminister Joseph Goebbels freimütig notiert: "Nach der Olympiade werden wir rabiat. Dann wird geschossen." 2.000 zumeist junge Menschen büßten das unter anderem bei Kriegsende, als das Olympiastadion zur Festung erklärt wurde.

Abriss vs. Ansicht

Während der Schriftsteller Ralph Giordano den Abriss der heroisierenden "Muskelpakete" von 1936 fordert und Lea Rosh, Initiatorin des Holocaust-Denkmals in Berlin, wenigstens für eine kommentierende Verhüllung der Plastiken während der WM plädiert, sind Politiker und auch Vertreter des Zentralrats der Juden in Deutschland gegen ein "Wegräumen, Verdecken oder Verdrängen der deutschen Geschichte". Konsequenterweise müsse man dann auch das von Hitler maßgeblich mitgestaltete Stadion von Architekt Werner March abreißen.

Brekers Witwe findet die Forderung nach einem Abriss der Plastiken absurd. "Nichts daran ist Nazi-Kunst, ich kann darüber nur lachen", sagte die 79-Jährige der "Bild"-Zeitung. Und der Breker-Experte und Wiener Künstler Ernst Fuchs meinte in dem gleichen Beitrag: "Breker abzureißen wäre nicht besser als die Bücherverbrennungen der Nazis." Brekers Statuen seien keine NS-Kunst, sondern Dokumente einer Epoche. Eine Ausstellung über die NS-Athletenstatuen im Berliner Georg-Kolbe-Museum in der Nähe des Olympiastadions versucht das auch zu verdeutlichen, auch der Bildhauer Kolbe ist an der Anlage beteiligt.

Verhüllungsvorschläge

Der damalige Olympiabeauftragte und frühere Präsident der Goethe-Gesellschaft Hilmar Hoffmann sah das seinerzeit schon skeptischer: "Wir können nicht etwas bagatellisieren in der Hoffnung, dass die Ausländer sich nicht aufregen werden. Hier stellt sich doch die Ideologie jener Mächte dar, die Europa mit Mord und Totschlag überrannten." Rosh plädiert jetzt für eine Verhüllung wenigstens während der WM mit ausführlicheren textlichen Erläuterungen, NOK-Ehrenpräsident Willi Daume hatte in früheren Zeiten Verpackungskünstler Christo dafür vorgeschlagen.

Die kulturpolitische Sprecherin der Grünen im Abgeordnetenhaus, Alice Ströver, meinte am Mittwoch, das Überdecken oder der Abriss von Zeichen der Nazi-Diktatur sei "kein verantwortungsvoller Umgang mit der deutschen Geschichte". Es gehe nicht um "das Tilgen von Spuren", sondern um die aktive Auseinandersetzung mit der Geschichte. Die Berliner Kulturverwaltung verweist jetzt darauf, dass ein solcher "kommentierender historischer Rundgang" auf dem Gelände pünktlich zur WM gerade fertig gestellt worden ist. Andere plädieren noch zusätzlich für eine Gegenüberstellung mit Plastiken von Künstlern wie Käthe Kollwitz und Ernst Barlach, die von den Nazis verfemt wurden. (APA/dpa)

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    "Die Diskuswerfer" (l) und "Die Staffelläufer" von Karl Albiker, entstanden 1935-1937 am Olympiastadion in Berlin

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