Das Kindermehl des Herrn Henri

1. Juni 2006, 11:00
posten

Die Flaschennahrungen für Babys werden immer besser - doch an die Muttermilch kommen sie nur nahe heran - Ein Überblick über Ernährungsangebote für die ganz Kleinen

Er war ein Immigrant aus Deutschland, strebsam, erfinderisch, aber immer am Rande der Pleite. Mit etlichen seiner Unternehmungen war der Apotheker, Likör- und Flüssiggasproduzent Henri Nestlé bereits gescheitert, und so setzte er 1867 alle Hoffnung auf seine jüngste Entwicklung. Eine Nahrung für Säuglinge, deren Mütter sie nicht stillen konnten, sollte es werden. Nestlé buk einen Zwieback ohne Hefe, mahlte ihn fein und mischte ihn mit einer ebenfalls von ihm selbst hergestellten Kondensmilch. "Kindermehl" nannte er das fertige Pulver.

Von der Erfindung zum Konzern

Die Umwelt nahm zuerst keine große Notiz von Herrn Nestlés Erfindung - bis eines schönen Tages ein frühgeborenes Baby zu ihm gebracht wurde. Der Kleine war halb verhungert. Er erbrach alles, was man ihm fütterte, egal ob Muttermilch oder den damals üblichen Mehlbrei. Zur allgemeinen Überraschung wurde der Kleine gesund. Der Rest ist Geschichte: Aus Nestlés kleiner Schweizer Firma wurde der weltweit größte Nahrungsmittelkonzern. Dabei würde das Kindermehl des Gründervaters heute wahrscheinlich nicht einmal den simpelsten Anforderungen der Ernährungsexperten genügen.

Spezielle Braukunst

Die modernen Milchnahrungen für Säuglinge werden in hochkomplexen Prozessen gebraut, die Liste der Zusätze wird ständig überarbeitet. Bis in die 1980er-Jahre ging es bei der Babynahrung vor allem um die Deckung des Nährstoffbedarfs. Heute stehen "die funktionellen Komponenten" im Vordergrund, wie es der österreichische Marktführer Milupa formuliert.

Functional Food für die Kleinsten

Wie kann das Baby vor Krankheiten und Allergien bewahrt werden? Bifidusbakterien sollen den Darm vor krankmachenden Bakterien bewahren, langkettige ungesättigte Fettsäuren (LCP) das Gehirn, das Nervensystem und das Sehvermögen stärken. Reduzierte, veränderte Proteine sollen die bis vor Kurzem übliche "Überfütterung" des Säuglings mit Eiweiß verhindern. Aus den Supermarktregalen leuchten den Eltern grelle Aufschriften wie "Probiotisch", "Prebiotisch", "Hypoallergen" entgegen. Es gibt Milchnahrungen für Frühgeborene, für Säuglinge mit Lactoseunverträglichkeit, es gibt sogar eine Milch für Babys, die unter "Reflux" leiden, einem häufigen Aufstoßen und Spucken.

Vorbild Muttermilch

Hinter all dem steht aber noch immer die alte Frage: Wie gut sind industrielle Milchnahrungen? Wie nahe sind die Hersteller schon am Vorbild Muttermilch dran? "Sehr nahe", urteilt der Mediziner Karl Zwiauer. "Aber eben nur nahe: vor allem was die immunologischen Faktoren betrifft, ist die Muttermilch immer noch besser." Der St. Pöltner Kinderarzt leitet die Ernährungskommission der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde. Er empfiehlt zwar, Kinder zu stillen, beruhigt aber jene, die das nicht wollen oder können: "Das Kind wird deswegen keinen Schaden nehmen."

Ziel: Defizitausgleich

Auch wenn in den Laboratorien von Nestlé, Milupa und den anderen Nahrungsmittelherstellern auf Hochdruck geforscht wird, ist nicht damit zu rechnen, dass es bald eine industrielle Babynahrung gibt, die die Muttermilch ersetzen wird. "Muttermilch kann man nicht nachbauen, weil es die eine Muttermilch gar nicht gibt. Die Zusammensetzung ist von Frau zu Frau und von Tag zu Tag verschieden", sagt Eva Nikendei, österreichische Wissenschafterin im Dienst von Nestlé. "Worauf wir abzielen, ist, mit unseren Produkten die gleiche Wirkung zu erzielen, sodass ein Kind keine Defizite mehr hat, wenn es nicht gestillt werden kann."

Designeressen

Nutritional Programming nennen ihre Kollegen vom Konkurrenten Milupa ihre Zielrichtung. "Dabei geht es darum, wie man durch eine verbesserte Ernährung in den ersten Jahren später dem Auftreten von Allergien, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Übergewicht, Fettsucht entgegenwirken kann."

Ausgleich durch Ernährung in der Zukunft

Wie wird man Babys in 50 Jahren ernähren? "Das Stillen wird es noch immer geben", prophezeit Ziwauer. Aber parallel dazu werde das Schlüsselwort Nutrigenomics sein: Jeder Mensch bekommt bei der Geburt via Genanalyse ein Risikoprofil erstellt. Von Beginn an können Eltern so die möglichen Schwächen ihres Kindes über die Ernährung ausgleichen. Bestimmte Krankheiten, wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Schwächen könnten so verhindert oder hinausgezögert werden. (DER STANDARD, Printausgabe, Heidi Lackner, 1.6.2006)

Share if you care.