Phoenix: Stilvoll abschlaffen

2. Juni 2006, 12:18
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Das französische Quartett entdeckt auf seinem neuen Album die Freuden einer Schreibblockade

Thomas Mars und Phoenix stammen aus dem französischen Versailles, einem Paris vorgelagerten Ort, in dem man sich laut Aussage der Band vor allem eines könne: königlich langweilen. Mit ihrem Debüt United aus 2000 und als Begleitmusiker der befreundeten und benachbarten Pink-Floyd-Space-Popper Air machten sich Phoenix damals unter Mithilfe des Pariser House-Produzenten und als Teil des Elektronik-Duos Daft Punk für Furore sorgenden Thomas Bangalter auf, die Popwelt mit zu dieser Zeit tatsächlich gewagten Sounds zu beglücken. Immerhin finden sich die Wurzeln der Gitarrenband Phoenix weniger im Punk und seinen rockistischen Ausläufern, die heute noch vor allem die britisch-dominierte Szene bestimmen.

Phoenix zeigten sich eher von der Funkiness und dem Eklektizismus eines Prince beeinflusst und schwelgten mitunter auch in jener Form von schlaffem Mainstream-Pop von der US-Westküste, der in den 70er-und 80er-Jahren den amerikanischen Markt bestimmte: Jackson Browne, Toto, Eagles, Boston, vor allem aber immer wieder auch die New Yorker Studiotüftler Steely Dan fanden in United ebenso Eingang wie auch die unglaublich entspannte Nachfolgearbeit Alphabetical aus 2004 von einer Lässigkeit bestimmt war, die Rock nicht über Härte, sondern über unaufdringlichen Stilwillen bestimmt.

Dazu tanzte Thomas Mars, während er sich verkrümmt am Mikrofonstativ festklammerte, zumindest innerlich in der Kuschel-Disco und murmelte freundlich affektiert Gefälligkeiten und Allgemeinplätze aus einem französisch-englischen Konversationslexikon, die die zunehmend internationaler werdende Hörergemeinde von Phoenix nicht allzu sehr vor den Kopf stieß. Nachdem US-Regisseurin Sofia Coppola ihren Hauptdarsteller Bill Murrays zum alten Phoenix-Song Too Young in Lost In Translation wunderbar berührend tanzen ließ, folgten für das meist um zwei Gastmusiker erweiterte Quartett eine längliche Welttournee, drei private Trennungen - und der Rückzug in ein ehemaliges Hörspiel-Studio der DDR in Ostberlin, wo man es erst einmal mit einer ausgiebigen Schreibblockade und dem Gefühl des Ausgebranntseins zu tun bekam.

Möglicherweise auch deshalb ist das jetzt vorliegende neue Album It's Never Been Like That mit neun Songs und einem Instrumental eher schlank geraten. Ein Umstand, der angesichts des gebotenen Materials nicht weiter stört. Immerhin entschlackte man die zuletzt etwas gebläht wirkenden Modernismen voller pastellfarbener House- und Dancefloor-Tupfer und Keyboardsounds auf das Grundgerüst einer live im Studio und nicht zu Hause auf dem Laptop ihre Songs entwickelnden Band. Man nahm die alte Arbeitsweise, vom Rhythmus ausgehend die Stücke zu skizzieren zurück und vertraute ganz auf die Einfälle der beiden Gitarristen.

Das Ergebnis klingt, wie etwa im Eröffnungsstück Napoleon Says, ökonomisch, konzentriert - und bei aller edlen Verschlurftheit zwingend wie lange nicht. Basierend auf einem Gitarreneinzelton, marschieren hier vier Musiker auf der Höhe ihres Könnens bei zunehmender "Verzahnung" von minimalistischen, durchaus funky gehaltenen Einzelmotiven Richtung Evergreen. Und das alles ohne auch nur die Idee eines Gitarrensolos. Weitere Höhepunkte: die aktuelle, effektfreie und im Midtempo gehaltene Heimwehballade Long Distance Call oder die soulige Schlussnummer Second To None. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.6.2006)

Von Christian Schachinger
  • Phoenix: "It's Never Been Like That" (EMI)
    grafik: emi

    Phoenix: "It's Never Been Like That" (EMI)

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