Die Reise des rosa Papageis

5. Juni 2006, 18:00
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In den letzten Jahren beschäftigte sich die Finanzwissenschafterin Pietra Rivoli mit einem banalen Baumwoll-Shirt

Anhand dieses Alltagsprodukts ließe sich die Weltwirtschaft besser erklären als mit Grafiken, Statistiken und Landkarten, meint sie im Interview mit Tobias Moorstedt.

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DER STANDARD: Professor Rivoli, Sie haben den Lebensweg eines T-Shirts um die ganze Welt verfolgt. Welche Strecke haben Sie dabei zurückgelegt?

Pietra Rivoli: Viele tausend Kilometer. Ich habe drei Kontinente bereist, die Baumwollernte in Texas gesehen, die Textilfabriken bei Schanghai, Kaufhäuser in Washington und dann, am Ende, die Altkleidermärkte von Tansania. Ich fand nicht nur heraus, wo mein T-Shirt hergestellt wurde, sondern auch, von wem: Nelson, Yuan Zhi, Ed, Gulam, Mohammed, Yong Fang. Ihre Geschichte - und wie sie bei ihrer Arbeit von Märkten und der Politik beeinflusst werden - habe ich aufgeschrieben.

DER STANDARD: Was hat Sie auf die Idee gebracht?

Rivoli: Im Jahr 2000 hatte ich Aufsicht bei einer Studentendemo auf unserem Campus. Es war eine Veranstaltung so genannter Globalisierungsgegner, die gegen das "Made in Indonesia"-Label in unseren Uni-Shirts protestierten. Ich war erstaunt darüber, mit welcher moralischen Sicherheit die Studenten ihr Ziel verfolgten, obwohl sie doch gegen ein Labyrinth von enormer Komplexität angingen. "Weißt du, wer dein T-Shirt gemacht hat?", hat mich ein junges Mädchen gefragt. Ich wusste es nicht.

DER STANDARD: Welches T-Shirt haben Sie verfolgt? Eins von Nike, Adidas oder Polo?

Rivoli: Nein, ein ganz billiges Teil aus einer Drogerie, ein weißes T-Shirt mit einem rosa Papagei und der Aufschrift "Florida". Die Auswahl des Untersuchungsobjekts erfolgte rein zufällig. Es ging mir nicht darum, die wirtschaftliche Eigenlogik der Textilindustrie zu ergründen, sondern mit dem anekdotischen Wissen über das T-Shirt einen neuen Blick auf den Welthandel zu bekommen. Das Label "Made in China" heißt eben noch lange nicht, dass das Shirt auch komplett in China entsteht.

DER STANDARD: Warum eignet sich das T-Shirt so gut als Lehrmittel für den Globalisierungs-Unterricht?

Rivoli: Kleidung ist ein emotionales Thema. Jeder hat ein T-Shirt im Schrank - und deshalb auch eine Meinung. Und viele Leute haben Bilder im Kopf von Sweatshops, unterdrückten Arbeitern und profitgierigen Weltkonzernen. Man muss auch sehen, dass die ersten Fabriken überhaupt Textilmanufakturen waren. Deshalb - und weil es sich um eine relative Low-Tech-Industrie handelt - ist die Globalisierung in der Textilbranche wesentlich weiter fortgeschritten als in anderen Wirtschaftszweigen. Aber Globalisierung bedeutet eben nicht, dass Nike, GAP und H&M dort produzieren lassen, wo es am billigsten ist. Der Prozess ist komplizierter.

DER STANDARD: Klären Sie uns auf.

Rivoli: So etwas wie einen globalen Freihandel gibt es nicht. Wenn es nur nach dem Preis der Arbeitskraft gehen würde, dann käme die Baumwolle für mein T-Shirt wohl kaum aus den USA, sondern aus Westafrika. Aber die Baumwollindustrie hat eine starke Lobby in Washington und bekommt noch immer viele staatliche Subventionen, außerdem beschränken Zölle und Handelsbeschränkungen den Import in die USA. Wie die meisten meiner Kollegen habe ich immer gedacht, dass die Menschen weniger über Markt und Moral diskutieren würden, wenn sie unser Hintergrundwissen hätten. Aber ich habe auf meiner Reise gelernt, dass die Geschichte meines T-Shirts weniger mit Fragen des Marktes zu tun hatte, sondern mit einem historisch-politischen Geflecht von Regeln und Intrigen, die sich um die Märkte ranken. Ich bin der Meinung, dass politische Regelungen wie Subventionen oder Handelsbeschränkungen den Menschen in der Dritten Welt eher schaden als der eigentliche Markt.

DER STANDARD: Sie haben Textilfabriken in China besucht. Wie waren die Arbeitsbedingungen dort?

Rivoli: Anstrengend, aufreibend und sehr hart. Aber ich habe keine Szenen wie aus einem Dickens-Roman gesehen. Es gibt sicher Fabriken in China und anderen Ländern, die wie Gefängnisse geführt werden - da bin ich mir sicher. Aber das allein mit der "Globalisierung" zu begründen wäre verkehrt.

DER STANDARD: Trotzdem haben auch in Europa und Amerika viele Leute Angst vor der Globalisierung. Sie beschreiben die Globalisierung in ihrem Buch "als letztlich positiven Prozess". Warum?

Rivoli: Mein bleibendster Eindruck von meiner Reise ist, wie gut die Menschen im T-Shirt-Business miteinander kommunizieren. Ich war in den USA, in China und Afrika, habe mit Weißen, Schwarzen, Asiaten, Juden und Muslimen gesprochen. Die Menschen aus den unterschiedlichsten Verhältnissen verstehen sich so gut, weil sie durch den Handel miteinander verbunden sind und ähnliche Interessen haben.

DER STANDARD: Haben Ihre Studenten, die gegen die Globalisierung und die Großkonzerne protestieren, Unrecht?

Rivoli: Weder der freie Markt noch seine Kritiker können für sich allein den armen Menschen in der Dritten Welt viel Hoffnung bieten. Ich setze auf eine unbeabsichtigte Zusammenarbeit der beiden Kräfte. Die Konzerne schaffen eine globale Infrastruktur, und die Aktivisten sind das Gewissen dieses Systems. Sie haben bereits erstaunliche Dinge erreicht. Die Aktivisten haben die Bedingungen neu definiert, unter denen die weltgrößten Unternehmen ihren Geschäften nachgehen.
(Der Standard/rondo/02/06/2006)

Pietra Rivoli ist Finanzwissenschafterin an der Georgetown University in Washington.

"Reisebericht eines T-Shirts
Ein Alltagsprodukt erklärt die Weltwirtschaft"
ist im Econ Verlag erschienen und kostet € 16
  • Artikelbild
    foto: econ-verlag
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    foto: econ-verlag
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