Caracas - "Die gefährlichste Stadt Lateinamerikas"

12. Juni 2006, 16:19
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Anzahl der Morde in Venezuela zwischen 1998 und 2005 verdreifacht

Wien/Caracas - "Heute ist Caracas die gefährlichste Stadt Lateinamerikas. Und die Verbrechensprävention ist das schwächste Gebiet der Regierung", so die niederschmetternde Diagnose des venezolanischen Autors und Kriminalitätsanalytikers Marcos Tarre Briceno. Auch die Daten, die vor kurzem das deutsche Magazin "Der Spiegel" präsentierte, sehen recht düster aus: So habe sich die Anzahl der Morde in Venezuela zwischen 1998 und 2005 verdreifacht, was dem Land laut einer UNO-Studie den zweifelhaften Ruf der höchsten Mordrate weltweit einträgt.

"Brutale Raubüberfälle auf der Tagesordnung"

Das österreichische Außenministerium stuft Venezuela in seinen Reiseinformationen als Land mit "hoher Sicherheitsgefährdung" ein: "Brutale Raubüberfälle sind an der Tagesordnung." Eine Einschätzung, die sich für die eigene diplomatische Vertretung vor Ort nach der Schussverletzung des österreichischen Konsuls Walter Rehberger in Caracas jedenfalls bestätigt hat. Auch vor der Gefahr von Entführungen wird gewarnt. Nicht zuletzt gewalttätige Jugendbanden oder blutige Gefängnisrevolten (15 Tote allein bei einem Aufstand Mitte April) sorgen für negative Schlagzeilen.

Der oberösterreichische Weltumsegler Claus Gintner bekam die mangelhaften Sicherheitsstandards Venezuelas am eigenen Leib zu spüren, als er von Piraten überfallen und in den Bauch geschossen wurde. Als die Täter merkten, dass der 63-Jährige kein Geld bei sich führte, ließen sie ihn schwer verletzt am Strand liegen. Eine Niere musste ihm in der Folge entfernt werden. Zwar wurden kurze Zeit nach der Tat mehrere Verdächtige festgenommen, doch aus Mangel an Beweisen bald wieder freigelassen.

Ein Fall sorgte in jüngster Zeit für besonderes Aufsehen: Anfang April wurden die Leichen der drei Söhne eines seit über 20 Jahren in Venezuela lebenden kanadischen Geschäftsmannes gefunden, die Ende Februar entführt und für die Lösegeldforderungen in Höhe von 3,7 Mio Euro gestellt worden waren. Die Jugendlichen im Alter von 12, 13 und 17 Jahren wiesen Schüsse in Kopf und Nacken auf. In der Folge kam es zu größeren Demonstrationen im Land, bei denen die Teilnehmer einen energischeren Kampf der Behörden gegen die ausufernde Kriminalität im Land forderten.

Organisierte Kriminalität

Freilich ist bei einem solchen Unterfangen die Chancengleichheit nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit: Vor einigen Wochen etwa erklärte der für den Bereich Sicherheit zuständige Stadtsekretär von Caracas, Cesar Verde, dass Änderungen bei der Ausrüstung der Polizei dringend notwendig seien. Die organisierte Kriminalität sei den Behörden in Sachen Bewaffnung und Reichweite haushoch überlegen. Auf der anderen Seite steht die Polizei auch selbst massiv in der Kritik: Ihr wird vielfach Korruption und Beteiligung an der organisierten Kriminalität vorgeworfen.

Andere wiederum werfen der Regierung von Staatspräsident Hugo Chávez vor, die Verbrechensbekämpfung nicht ernst genug zu nehmen. Laut Tarre Briceno hätten viele Venezolaner Chavez ihre Stimme gegeben, weil sie von ihm erhofft hätten, dass er der Gewalt im Land Einhalt gebieten werde. Diese Hoffnungen seien bisher aber enttäuscht worden, es gebe "keine klare Politik in diesem Bereich".

Kriminalitätsstatistiken würden entweder erst gar nicht geführt, oder nur das aus ihnen verlautbart, was ein positives Licht auf die Regierung werfe, so der Vorwurf eines ausländischen Diplomaten im Land. "Angesichts dessen, dass sie nichts sagen, gibt es viele Gerüchte", beklagt auch der Rechtsprofessor Raúl Arrieta von der Universidad Central de Caracas. Und fügt süffisant hinzu: "Es schaut so aus, als ob die ganze Welt wüsste, wo die Waffen sind, wo die Entführer sich aufhalten, wo die Terroristen sind ... Anscheinend die ganze Welt, nur die Regierung nicht".

Auch der "Spiegel" geht mit der Politik des im In- wie Ausland gleichermaßen gefeierten wie verdammten Präsidenten Venezuelas hart ins Gericht: "Während Chávez befreundete Regierungen in aller Welt mit billigem Öl beliefert, herrschen auf den Straßen von Caracas Angst und Terror."(APA)

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