Wieso nach etwas Schreien, was es schon gibt?

1. Juni 2006, 00:46
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Im spanischen Parlament wurde der Antrag "Menschenrechte für Menschenaffen" eingebracht. Wir sprachen mit dem Verhaltensforscher Gustav Bernroider über dieses Thema.

Anfang Mai wurde im spanischen Parlament von der Regierungspartei der Sozialisten der Antrag eingebracht, Menschenaffen drei spezifische Rechte zu gewähren. Es handelt sich dabei um das Recht auf Leben, das Recht auf Freiheit und das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Diese Idee kommt ursprünglich von einer Organisation, die sich Great Ape Project nennt. Diese Organisation fordert bereits seit mehreren Jahren, dass Schimpansen, Gorillas und Orang Utans diese Rechte erhalten. Bisher hat sich nur Neuseeland dazu bereit erklärt. Obwohl bereits 1983 das Buch "Menschenrechte für Menschenaffen" erschienen ist, hat die Organisation im deutschsprachigen Raum bis heute kaum Aufmerksamkeit gewonnen. Über den derzeitigen Stand in Spanien ist noch nichts Näheres bekannt.
Gustav Bernroider, Professor am Fachbereich Organismische Biologie an der Naturwissenschaftlichen Fakultät, ist Verhaltensforscher und eigentlich sind Wachteln sein Steckenpferd, aber für uns nahm er sich Zeit und sprach über das Anliegen des Great Ape Project.

Tierschutzgesetz in Österreich ist vorbildhaft

Laut Bernroider macht es in Österreich nicht viel Sinn, nach Menschenrechten für Menschenaffen zu verlangen, da diese durch das Tierschutzgesetz in unserem Land schon ausreichend geschützt sind. Seit einem Jahr ist in Österreich das neue Tierschutzgesetz in Kraft, das in den nächsten Jahren vollständig umgesetzt werden muss. Darin enthalten sind auch das Thema Menschenaffen und deren Haltung, so Bernroider.
Tatsache ist, dass es in Österreich ein Verbot gegen die ungerechtfertigte Tötung dieser Tiere gibt, allerdings ist ihre Haltung in Gefangenschaft noch mit einer Bewilligung des Staates möglich. Österreich ist im Bereich Tierschutz vorbildhaft, Spanien leider nicht. Dort gibt es kein einheitliches nationales Tierschutzgesetz, so kann es zu Unterschieden in den Regionen kommen. Ein Gesetz zum Schutz gegen Misshandlung von Tieren gibt es erst seit 1995. Die EU fordert fünf Freiheiten für Tiere: Freiheit von Unbehagen, von Hunger und Durst, von Angst und Leiden, von Schmerz, Verletzung und Krankheit und Freiheit zum Ausleben normaler Verhaltensweise. Bernroider präsentiert hier eine einfache, aber durchaus logische Gleichung: Wenn man die Tiere nicht mehr in Gefangenschaft halten darf, wie zum Beispiel in Zoos, Labors etc., ist es auch nicht möglich, an ihnen Tests durchzuführen. So sollte die körperliche Unversehrtheit also automatisch gewährleistet sein.

Zuerst für Menschenrechte sorgen

Eigentlich sei das Ganze ja ein immenser Blödsinn, so Bernroider. Wie soll man Tieren solche Rechte verleihen, wenn in den Ursprungsländern der Menschenaffen noch nicht einmal die heimische Bevölkerung diese Rechte hat? In Uganda, Ruanda und Burundi ist die momentane Situation katastrophal, Menschenrechte existieren praktisch nicht. Nur wenn man dafür Sorge leistet, dass die Menschen die ihnen zustehenden Rechte bekommen und aktive Aufklärung geleistet wird, kann eine Form von Tierschutz gewährleistet werden.

Rassismus im Tierreich

Was könnte der Auslöser dafür sein, dass nur Schimpansen, Gorillas und Orang Utans die geforderten Rechte bekommen sollen? Bernroider erklärt, das liege am „Similar Mind Approach“, was heißen soll: Je ähnlicher dem Menschen ein Tier ist, umso wertvoller ist es. Wenn man nun nach der Ähnlichkeit in der Verhaltensweise geht, sind uns die drei Affenarten am ähnlichsten. Eine bodenlose Frechheit und die Grundlage für diskriminierenden Rassismus, meint Bernroider. Man spreche einem Menschen mit geistiger Behinderung, mit dem laut Great Ape Project Menschenaffen verglichen werden können, ja auch nicht die Menschenrechte ab, nur weil er gewisse Standards nicht erreicht. Ein wesentlich sinnvolleres Kriterium für die Verleihung von gewissen Rechten wäre die Empfindungsfähigkeit, und diese besitzen außer Pflanzen alle Lebewesen. Wir müssen uns bewusst werden, dass Tiere eine wesentlich höhere emotionale Kompetenz besitzen, als wir meinen. Es kann einfach nicht ausreichen, dass sich ein Tier im Spiegel wieder erkennt, damit es das Recht auf Leben, Freiheit und Unversehrtheit zugesprochen bekommt. Man kann den Menschen nicht als Maßstab anlegen, denn jedes Tier hat für sich Fähigkeiten, die schützenswert sind.

Einladung zum Seminar "Animal Sentience and Welfare"

Am 29. und 30. Juni findet an der Universität Salzburg eine Veranstaltung zum Thema Empfindungsfähigkeit und Wohlbefinden von Tieren statt, bei dem auch "Menschenrechte für Menschenaffen" ein Thema sein werden. Interessierte sind gerne dazu eingeladen. Nähere Informationen finden sie auf der Homepage der Universität Salzburg.

(mar/lea)

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    marchgraber
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