Kommentar: Gut gelaunter Neuling

1. Juni 2006, 13:40
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Anmerkungen zu Meyers Zuversicht

In welche Phase die Leidensgeschichte der Volksoper nun eingetreten sein mag, ist schwer zu sagen. Glaubt man dem designierten Direktor Robert Meyer, nähert sie sich ihrem Ende. Mehr Geld, wie Noch-Direktor Rudolf Berger fordert? Für Meyer nicht nötig. Man müsse nur die (schon straffen) Strukturen weiter straffen. Doch was bedeutet das? Ein kleineres Orchester, weniger Chorsänger. Weniger Premieren. Eine neue Bescheidenheit also, die das Haus am Gürtel als eine Art überdachtes Ganzjahres-Mörbisch definiert? Man wird sehen.

Bis jetzt weiß man nur, dass Meyer die Operette erneuern will, und sieht, dass beim Quereinsteiger die Freude über die erfolgreiche Bewerbung überwiegt. Geschenkt. Es sollte sich aber bald Problembewusstsein hinzugesellen. Dann wird das Erstaunen darüber noch größer ausfallen, dass die Volksoper für kurze Zeit (unter Klaus Bachler) ein Haus war, das selbst der Wiener Staatsoper Konkurrenz machte. Das war noch vor der Ausgliederung, man begrüßte internationale Gäste und glänzte sehr oft.

Inzwischen zeigt sich, dass die Aufteilung des Finanzkuchens zwischen den Bundestheaterhäusern für die Volksoper suboptimal war. Zudem wird die Lage durch die eingefrorene Basissubvention erschwert, was selbst Staatsoperndirektor Ioan Holender zusetzt. Mit dem Theater an der Wien ist jetzt auch ein Opernhaus dazugekommen, das sogar Leute wie Nikolaus Harnoncourt aufbieten kann, während die Volksoper nicht einmal Operetten qualitätsvoll zu besetzen vermag. Will die Volksoper überleben, muss sie als gleichwertiges drittes Musiktheater Wiens strahlen und darf nicht auf internationale Künstlerkompetenz und Kooperationen verzichten. Das ist aber auch eine Frage des Geldes. Meyer hat freilich die Chance verdient, uns vom Gegenteil zu überzeugen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.6.2006)

Von Ljubisa Tosic
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