Massaker in Haditha: Untersuchungsbericht belastet Armee

6. Juni 2006, 09:49
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Angriff ging keine Provokation voraus - Ministerpräsident Maliki geht die Geduld aus - Bush verspricht Aufklärung

Bagdad/Haditha/Washington - Nach den schweren Vorwürfen eines Massakers im irakischen Ort Haditha hat US-Präsident George W. Bush hat eine gründliche Untersuchung und eine Bestrafung etwaiger Schuldiger angekündigt. Er sei über die Berichte beunruhigt, sagte Bush am Mittwoch in Washington. "Wenn Gesetze verletzt wurden, werden die Schuldigen bestraft", sagte Bush. Der Präsident sprach von einem Ausnahmefall. Das Marineinfanterie-Corps sei "voller ehrenhafter Frauen und Männer". Am Abend wurden bei einem Granatenangriff im Süden Bagdads neun Menschen getötet.

Die irakische Regierung hatte zuvor wegen des angeblichen Massakers im Ort Haditha schwere Vorwürfe gegen die US-Truppen erhoben. "Es ist nicht zu rechtfertigen, dass eine Familie getötet wird, weil jemand gegen Terroristen kämpft", sagte der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki dem britischen Rundfunksender BBC.

Im irakischen Fernsehen bezeichnete er den Vorfall in Haditha am Mittwoch als Besorgnis erregend. Langsam gehe ihm die Geduld mit den US-Truppen aus, warnte er. "Entschuldigungen sind nur begrenzt akzeptabel."

"Absichtlich getötet"

Der irakische Botschafter in den USA, Samir Al-Sumaidaie, verwies auf mehrere Vorfälle, bei denen US-Soldaten offenbar wehrlose Zivilisten "absichtlich getötet haben". Zeugenaussagen erhärteten den Vorwurf, dass US-Marineinfanteristen am 19. November 2005 in dem rund 200 Kilometer nordwestlich Bagdads gelegenen Ort ein Blutbad anrichteten, bei denen auch Frauen und Kinder getötet wurden.

Al-Maliki kündigte eine irakische Untersuchung an. Al-Sumaidaie sagte CNN, dass auch sein Cousin in Haditha grundlos von US-Soldaten erschossen worden sei. Schon lange seien ihm Berichte über das angebliche Massaker in Haditha bekannt gewesen. Es habe "einen starken Druck unserer Freunde" gegeben, darüber nicht öffentlich zu sprechen.

Angeblich neue Hinweise auf Kriegsverbrechen

Die "New York Times" berichtete am Mittwoch von neuen Hinweisen auf ein Kriegsverbrechen in Haditha. Die Tötung von 24 Zivilisten sei erfolgt, ohne dass die US-Soldaten angegriffen worden seien, schreibt die Zeitung unter Berufung auf US-Militärquellen. Nach Darstellung von Ahmed Salman, eines Anwalts von Hinterbliebenen, waren die US-Soldaten in der Früh um 7.15 Uhr angegriffen worden.

"Innerhalb von einer Stunde haben die Soldaten dann alle 24 Menschen erschossen, die meisten von ihnen in ihren Schlafzimmern." Die US-Armee habe den Angehörigen der Opfer wenige Wochen nach dem Vorfall 38.000 US-Dollar (29.531 Euro) an Entschädigung gezahlt, berichtete die Zeitung.

Die neunjährige Irakerin Iman Abdel Hamid schilderte am Mittwoch nochmals die Ereignisse in Haditha aus ihrer Sicht: "Erst haben die Amerikaner meinen Vater im Schlafzimmer getötet und dann eine Rakete abgeschossen, so dass seine Leiche völlig verbrannt war. Als sie danach meine Mutter getötet haben, haben mein Bruder und ich unsere Gesichter mit Kissen bedeckt, um nichts zu sehen."

Zeuge: Es haben "wohl einige die Kontrolle verloren"

US-Unteroffizier James Crossan, der zu Beginn der Vorfälle in Haditha am 19. November 2005 bei der Explosion einer Bombe verletzt worden war, schilderte in Fernsehinterviews die Wut seiner Kameraden an diesem Tag. Nachdem ein Soldat bei der Explosion des Sprengsatzes am Straßenrand getötet und zwei weitere verletzt worden waren, hätten "wohl einige die Kontrolle verloren", so Crossan gegenüber CNN.

Unterdessen wurden neue Vorwürfe gegen das US-Militär laut, auch in einer anderen Stadt im Irak Zivilisten getötet zu haben. Die irakische Armee, Polizisten und Augenzeugen beschuldigten die US-Truppen, sie hätten am 4. Mai in der Stadt Samarra im Norden des Landes zwei Frauen und einen geistig behinderten Mann erschossen. "Sie waren nicht bewaffnet und es waren keine Kämpfer in dem Haus", sagte ein hochrangiger Polizist, der anonym bleiben wollte. Ein Augenzeuge äußerte sich entsprechend. Ein Sprecher der betroffenen US-Division wies die Vorwürfe zurück. Die Soldaten hätten zwei unbekannte Männer und eine Frau getötet, die Anschläge auf die Truppen geplant hätten.

Al-Maliki verhängte am Mittwoch den Notstand in Basra, um die anhaltende Gewalt einzudämmen. Bei Kämpfen und Anschlägen starben am Mittwoch im ganzen Land 22 Menschen, berichtete das Verteidigungsministerium. Am Abend starben neun Menschen, als drei Mörsergranaten in ein Wohnviertel im Süden Bagdads einschlugen. 20 Menschen wurden verletzt. In Mossul im Norden des Landes tötete eine Autobombe mindestens fünf Polizisten und verwundete weitere 14, wie die Polizei mitteilte. Bei einem Angriff Bewaffneter auf einen Kleinbus kamen in Bakuba fünf Menschen ums Leben. (APA/dpa/AP/Reuters)

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