Angst vor neuem Flächenbrand

7. Juni 2006, 16:34
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Umstrittene Festnahme lässt weitere Auschreitungen vermuten

Noch stieben erst die Funken - doch ganz Frankreich hat Angst, dass sie wieder einen Flächenbrand auslösen könnten. In der Nacht auf Dienstag griffen Jugendliche in Montfermeil nördlich von Paris das Haus des lokalen Bürgermeisters Xavier Lemoine an. Dieser Abgeordnete der Rechtspartei UMP, der als Vertreter einer harten Linie gilt, hatte unlängst nächtliche Ansammlungen von mehr als drei Personen in den Straßen seiner Gemeinde untersagt.

Obwohl ein Gericht diese Maßnahme suspendierte, griffen vermummte Jugendliche den Wohnsitz des Bürgermeisters an; anwesend waren seine Gattin und Kinder, doch die Angreifer kamen wegen eines starken Polizeiaufgebotes ohnehin nicht weiter als bis zu den Eisengittern. Dafür steckten die rund hundert Jugendliche anderweitig Autos und Abfalleimer in Brand.

Ähnliche Szenen wiederholten sich in der Nacht auf Mittwoch an anderen Orten der Gemeinde sowie in Clichy-sous-Bois. In dieser Gemeinde hatten letzten November die schweren Krawalle mit insgesamt 10.000 abgebrannten Autos begonnen, als zwei junge Afrikaner auf der Flucht vor der Polizei in einem Stromhäuschen ums Leben kamen.

Umstrittene Festnahme

Ein dritter beteiligter Jugendlicher, der 18-jährige Muhittin Altun, wurde diese Woche verhaftet, weil er in Clichy Steine auf einen Polizeiwagen geworfen haben soll. Sein Anwalt bestritt dies aber am Mittwoch im Rundfunksender "Europe-1". Altun sei gar nicht am Ort des Geschehens gewesen, sondern habe sich vor seinem eigenen Wohnblock aufgehalten. Der Anwalt deutete an, die Polizei könnte ihn möglicherweise verhaftet haben, um ihn in ein schiefes Licht zu rücken; in dem laufenden Rechtsstreit um die Todesfälle im November sei nämlich für diese Woche eine Nachstellung der damaligen Polizeiverfolgung mit Altun geplant gewesen.

Seine Verhaftung - neben der Festnahme eines Dutzends anderer Randalierer - lässt auf jeden Fall Schlimmes befürchten. Auch die Herbstunruhen waren von ähnlich "symbolischen" Vorfällen ausgegangen, die in der Banlieue meist als polizeiliche Provokation interpretiert werden. Die politische Nervosität ist jedenfalls vor dem heraufziehenden Wahlkampf enorm. Bereits jetzt hat eine heftige Polemik um die jüngsten Polizeieinsätze eingesetzt. (DER STANDARD, Print, 1.6.2006)

Stefan Brändle aus Paris
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